Kommentar: Mit Malta Air könnte Ryanair Tarifverträge umgehen

Die Beschäftigten der Bases in Deutschland, Italien und Frankreich sollen zur neuen Konzerntochter wechseln. Offiziell, um ihre Steuern und Sozialabgaben in ihren Heimatländern entrichten zu können, doch für Ryanair eröffnet sich dadurch auch ein kleines, aber feines Schlupfloch im Dauerchlinch mit den Gewerkschaften.

So werden die Flugzeuge von Malta Air aussehen (Rendering: Ryanair).

Der Launch der neuen Ryanair-Tochter Malta Air wird auch Auswirkungen auf jenes Personal haben, das in Frankreich, Deutschland und Italien stationiert ist. Der Konzern teilte mit, dass die betroffenen Mitarbeiter künftig nicht mehr für das irische, sondern das maltesische AOC fliegen sollen

Wie AviationNetOnline berichtete wird Ryanair in das lokale Start-Up Malta Air investieren, an dem auch der maltesische Staat beteiligt ist. Im ersten Schritt werden jene sechs Boeing 737-800, die ihre Base in Luqa haben, samt Personal in das maltesische AOC wechseln. Laut Angaben von Ryanair sind davon 200 in Malta beschäftigte Personen betroffen. Die Flotte soll innerhalb von zehn Jahren um rund zehn weitere Maschinen ausgebaut werden. Der Ersteinsatz der Malta-Air-Marke ist für Sommer 2020 angekündigt. Weiters kündigt Ryanair zusätzliche Routen ab Malta an, die in Richtung Nordafrika ab Luqa aufgenommen werden sollen.


Ranghohe Vertreter der Regierung Maltas, darunter Premierminister Joseph Muscat und Tourismusminister Konrad Mizzi, wohnen der Vertragsunterzeichnung mit Ryanair-Chef Michael O'Leary bei (Foto: Ryanair).

Allerdings haben die euphorischen Ankündigungen aus Malta auch einen kleinen, aber feinen Haken, denn zwar rühmt sich Ryanair damit, dass es dem Personal nun möglich ist die Einkommenssteuern und Sozialabgaben im Land ihrer jeweiligen Basis zu entrichten – bislang pochte der Carrier darauf, dass diese aufgrund des Firmensitzes in Irland zu bezahlen sind – doch bei genauer Betrachtung stellt man rasch fest, dass ein Arbeitgeberwechsel vorliegt.

Mit Malta Air könnten Ryanair-Tarifverträge umgangen werden

Ryanair befand sich im Vorjahr in heftigen Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften in diversen europäischen Ländern, darunter eben auch die vom Carrier in einer Medienmitteilung genannten Staaten Frankreich, Italien und Deutschland. Mit einigen Gewerkschaften schloss man zwischenzeitlich Tarifverträge ab. Genau diese könnte der Carrier nun umgehen, wenn man die Bases nicht im Rahmen eines Betriebsübergangs unter Beibehaltung der entsprechenden Vereinbarungen an Malta Air übergibt. Spekulativ angenommen könnte Ryanair auch formell kündigen und zur Bewerbung bei Malta Air um den bestehenden Job aufrufen. Da aber Malta Air noch keine Tarifverträge mit den Gewerkschaften abgeschlossen hat, wäre man in der Lage die zum Teil bei Ryanair bestehenden Vereinbarungen umgehen zu können. Dies selbstverständlich vollkommen legal.


Aus der polnischen Ryanair Sun wird im Herbst wieder Buzz. Eine Marke, die Ryanair offenbar im Keller gefunden gefunden hat (Grafik: Ryanair).

Ein ähnliches Vorgehen wählte Ryanair bereits in Polen. Die Tochtergesellschaft Ryanair Sun (künftige Buzz) wurde ursprünglich als Chartertochter gegründet. Allerdings wurden die in Polen gebasten Flugzeuge bereits weitgehend auf das AOC des Ablegers übertragen, was selbstverständlich auch Auswirkungen auf das Personal hatte. Gar nutzte Firmenchef Michael O’Leary die künftige Buzz auch als Druckmittel im Streik mit den in Dublin stationierten Ryanair-Piloten. Dennoch gelang es dem Konzern in Polen hinsichtlich der Kollektivverträge mittels Ryanair Sun wieder bei Null anzufangen, was bei der neuen Tochter Malta Air ebenfalls eine Option sein könnte. Immerhin will der Carrier rund 350 zusätzliche Jobs im Mittelmeerstaat generieren, wobei dabei die „ausländischen“ Bases, die übergeben werden sollen, noch gar nicht berücksichtigt sind. Immerhin: Michael O’Leary plant bereits mit 50 Boeing 737 unter dem maltesischen Brand. Eine solche Flottengröße ist ab Luqa nicht erforderlich, jedoch unter Berücksichtigung der Übergabe der Bases in Italien, Frankreich und Deutschland durchaus erforderlich.


Ryanair ist bereits heute hochpräsent am Flughafen Luqa. Im Bild: Heckflosse einer Boeing 737-800 am einzigen Verkehrsflughafen Maltas, Luqa (Foto: Jan Gruber).

„Ryanair freut sich, Malta Air in der Ryanair-Gruppe willkommen zu heißen, zu der nun auch Buzz (Polen), Lauda (Österreich), Malta Air und Ryanair (Irland) gehören. Malta Air wird mit Stolz den maltesischen Namen und die maltesische Flagge an über 60 Ziele in Europa und Nordafrika bringen, während wir versuchen, unsere maltesische Flotte, Strecken, Verkehre und Arbeitsplätze in den nächsten drei Jahren auszubauen. Die fortgesetzte Partnerschaft von Ryanair mit der Malta Tourism Authority wird dazu beitragen, die Vision von Premierminister Muscat und Minister Mizzi voranzutreiben, das ganze Jahr über Verbindungen in alle Ecken Europas zu knüpfen, um den Tourismus, das Geschäft und die Beschäftigung in Malta zu fördern. Ryanair schätzt das Fachwissen der maltesischen Zivilluftfahrt-Direktion (CAD) bei der Lizenzierung von Malta Air für den Betrieb des Flugzeugs B737 und wir freuen uns darauf, in den kommenden Jahren eng mit den maltesischen Behörden zusammenzuarbeiten, um mehr als 50 Flugzeuge in das maltesische Register aufzunehmen“, erklärt Konzernchef Michael O’Leary.

Air Malta, Malta Air – klingt zum Verwechseln ähnlich…

Doch der maltesische Staat hat mit Air Malta bereits einen Carrier, der einen fast zum Verwechseln ähnlichen Firmennamen trägt, im Portfolio. Dieser untersteht indirekt ebenfalls dem zuständigen Tourismusminister, Konrad Mizzi. Da jedoch eine enge Zusammenarbeit zwischen Ryanair und Air Malta im Bereich des Ticketvertriebs besteht, ist anzunehmen, dass weitere Synergien gesucht werden. Allerdings zeichnet sich bei Einsichtnahme in Flugplandaten bereits ab, dass Air Malta das Wachstum zurückfährt. Zahlreiche Routen, darunter auch Luqa-Hamburg, werden noch heuer aufgegeben. Dies ist ein Indiz dafür, dass das Kurz- und Mittelstreckengeschäft künftig zunehmend unter dem Brand Malta Air (Ryanair) abgewickelt werden könnte, während Konrad Mizzi bereits vor einigen Monaten ankündigte, dass Air Malta auf die Langstrecke gehen soll. Dabei sondiert der Minister die Muster A321LR und A321XLR und sieht Luqa auch aufgrund der geografischen Lage als ideale Drehscheibe.


Air-Malta-Chef Charles Mangion und Maltas Tourismusminister Konrad Mizzi (Foto: Jan Gruber).

Dennoch muss man an dieser Stelle auch berücksichtigten, dass Air Malta jahrelang in einer Krise steckte, aus der sich das Unternehmen auf wundersame und nicht näher bezeichnete Weise erholen konnte und zuletzt einen hauchdünnen Gewinn schrieb. Dennoch zeichnet sich ab, dass die Expansionsstrategie, die durchaus aggressiv gefahren wurden, nicht den gewünschten Erfolg brachte, denn von der Politik angekündigtes Flottenwachstum wurde bis dato nicht im kommunizierten Umfang durchgeführt. Da die maltesische Politik traditionell äußerst viel Wert auf Diskretion legt, werden die Beweggründe warum sich Malta einen zweiten Carrier mit Staatsbeteiligung ans Bein bindet, wohl kaum zu erfahren sein. Da jedoch bereits eine Vertriebspartnerschaft mit Ryanair besteht und das Bordprodukt weitgehend – mit kleinen Abweichungen – an jenes der Iren anglichen wurde, ist durchaus vorstellbar, dass Air Malta langfristig in Malta Air aufgehen könnte, denn der Firmenname ist ohnehin zum Verwechseln ähnlich. Auch ist damit zu rechnen, dass Ryanair nach und nach die maltesische Beteiligung vollständig übernehmen könnte, denn dies ist in Österreich bei Lauda auch sehr rasch erfolgt. Ob nun auf den Maschinen Lauda, Ryanair, Buzz oder Malta Air steht, dürfte für die Kunden von sekundärer Bedeutung sein, da die Reservierungen ohnehin über die Homepage und Systeme der Iren laufen. Allerdings gelingt es dem Konzern so zusätzliche Kunden zu generieren, die Ryanair aus prinzipiellen Überlegungen nicht buchen würden. Auch suggeriert Ryanair so zusätzliche Wahlfreiheit, da die einzelnen Konzernairlines unter eigenen Marken auftreten.

Malta lockt Firmen mit Vorteilen, um Arbeitsplätze zu generieren

Unabhängig davon dürften vom Air-Malta-Projekt insbesondere die Maltesen profitieren, denn dort werden – auch im Bereich der Wartung – neue Arbeitsplätze entstehen. Die lokale Politik ist dafür bekannt, dass man äußerst kooperativ ist, wenn gleichzeitig zusätzliche Jobs auf Malta, Gozo oder gar Comino geschaffen werden. Hierfür kommt man durchaus auch steuerlich entgegen, was das Beispiel des Schiffsregisters eindrucksvoll beweist. Bei Yachten ist Grundbedingung für die Inanspruchnahme von Rabatten, die je länger die Yacht ist höher ausfallen können, dass das Wasserfahrzeug mit einer Firma, die auf Malta registriert ist und lokalem Personal bereedert wird. Dadurch entstehen Arbeitsplätze auf der Insel und diesen Vorteil hat sich selbst der verstorbene Niki Lauda bei seiner Yacht zu Nutze gemacht. Malta profitiert davon, dass Jobs generiert werden, die es sonst nicht geben würde. Das wirkt sich positiv auf den Arbeitsmarkt aus, der mit einer Arbeitslosenrate von nur 3,5 Prozent fast Vollbeschäftigung aufweist.


Der Flughafen Wien ist maßgeblich am Malta-Airport in Luqa beteiligt (Foto: Jan Gruber).

Doch was sagt eigentlich der verantwortliche Minister Konrad Mizzi dazu? Nun, momentan ist man eher in Feierlaune und will sich unangenehmen Fragen eher nicht stellen. Daher heißt es von ihm schriftlich: „Die Beziehung zwischen Ryanair und Malta hat sich zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit entwickelt. Wir begrüßen die Zusage von Ryanair, eine vollwertige Fluggesellschaft mit Sitz in Malta zu betreiben und auszubauen, die einen großen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten wird.“

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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