Kommentar: Billigfliegen ab Wien oder das große Geldverbrennen?

Hinter den meisten Anbietern strecken finanzstarke Eigentümer, doch ob diese auf Dauer in Wien im Wettbewerb Geld verlieren wollen, ist offen. Ein Kommentar.

Mit Anisec (Level) tritt ein weiterer Anbieter in den Lowcoster-Wettbewerb in Wien ein (Foto: Thomas Ramgraber).

Der Flughafen Wien entwickelte sich insbesondere im heurigen Jahr zunehmend zu einem für Billigfluggesellschaften interessanten Airport, doch zeichnet sich bereits jetzt ab, dass auf verschiedenen Routen durchaus erhebliche Überkapazitäten geschaffen werden. Profitieren werden zunächst die Konsumenten.

Besonders bemerkenswert sind die Routen nach Mailand und London, die offenbar im Portfolio zahlreicher Lowcoster auf keinen Fall fehlen dürfen. Von Wien aus sind nun alle Airports - mit Ausnahme von City - der britischen Hauptstadt verbunden. Mindestens ein Carrier bietet pro Flughafen seine Dienstleistungen an, wobei es inklusive der jüngsten Ankündigungen von Laudamotion und Anisec (Level) eher mehr Anbieter gibt. So viele Sitzplätze pro Tag wurden zwischen Wien und London noch nie angeboten. Selbiges lässt sich auch auf Mailand umlegen, wobei sämtliche Airlines - mit Ausnahme von Laudamotion - den Flughafen Malpensa ansteuern. Laudamotion setzt künftig auf Bergamo. Einzig der durchaus beliebte Linate-Airport wird ab Wien derzeit nicht bedient.

Die beiden genannten Beispiele - Mailand und London - sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs, das durch den zunehmenden Wettbewerb unter den Lowcostern ab Wien geschaffen wird. Insbesondere Laudamotion und Anisec (Level) werden sich auf zahlreichen Routen künftig Konkurrenz machen. Wettbewerb belebt eben das Geschäft, erklärt Niki Lauda gelegentlich.

Billigfliegen ab Wien ist grundsätzlich keine Neuigkeit, denn bis zu ihrer Pleite heizte SkyEurope Airlines durchaus den Preiskampf an. Der Unterschied zwischen der SkyEurope-Ära und dem heutigen Match unter den Lowcostern in Wien liegt jedoch primär darin, dass die finanzielle Ausstattung der Player bedeutend besser ist. Diese verfügen über durchaus potente Eigentümer:

Anisec (Level) und Vueling gehören der IAG an, Eurowings der Lufthansa Group, Laudamotion wird künftig mehrheitlich Ryanair gehören, Easyjet gilt ebenfalls als finanzstark, Wizz Air verfügt ebenso über finanzstarke Investoren und Volotea ebenso. Das bedeutet, dass grundsätzlich das notwendige Kleingeld für einen harten Wettbewerb ab Wien vorhanden ist und es auch zu erwarten ist, dass die einzelnen Anbieter weiter expandieren werden und sich noch stärker gegenseitig nichts überlassen werden. Kurz- und mittelfristig wird dies zu sinkenden Ticketpreisen führen, jedoch langfristig wird es mit hoher Sicherheit zu einer Konsolidierung des Angebots kommen, denn auf Dauer werden sich die zumeist börsennotierten Konzerne kaum leisten wollen sprichwörtlich ihr Geld zu verbrennen. Dies hat zur Folge, dass bereits jetzt damit zu rechnen ist, dass es bei dem einen oder anderen Anbieter zu Anpassungen im Flugplan kommen wird und man versuchen wird sich auf weniger wettbewerbsintensive Routen zu konzentrieren.

Doch besonders hart wird es im Bereich der Kurz- und Mittelstrecke die Austrian Airlines Group treffen, der als Homebase-Carrier nichts anderes übrig bleiben wird als sich dem Wettbewerb zu stellen und wo es aufgrund der Konkurrenz durch die Lowcoster nichts mehr zu verdienen gibt, den einen oder anderen Rückzieher zu machen. Auch ist die AUA sehr gut beraten, wenn diese sich klar auf dem Markt positioniert und entweder als Lowcoster mit konkurrenzfähigen Preisen agiert oder aber sich als ernsthafte Premium-Alternative, insbesondere mit einem einfachen Tarifsystem, dem Wettbewerb stellt. Für Kunden gibt es - wenn Austrian Airlines und ein Lowcoster ungefähr vergleichbare Flugzeiten anbieten - keinen wirklichen Grund bei der AUA zu buchen, denn auch diese kassiert für Koffer und sonstige Services extra. Doch gerade dies ist fatal, denn mit einem einfachen Produkt, das insbesondere in der Werbung hervorhebt, dass all jenes, bei dem "die anderen" extra kassieren schon dabei ist, lassen sich besonders im Privatkundensegment Kunden überzeugen. Da bedarf es keinem gratis Schnitzerl, sondern viele Privatreisende schätzen es sehr, wenn man mit dem Flugticket die Sicherheit hat, dass keine unerwarteten Zusatzkosten entrichtet werden müssen.

Doch solange sich keiner der Lowcoster oder aber Austrian Airlines zu diesem durchaus radikalen Schwenk in der Strategie durchringt, wird es kaum ernsthafte Unterschiede zwischen den Produkten geben. Für die meisten Menschen zählt in erster Linie zum Zeitpunkt der Buchung der Preis und dass kein Koffer mehr inkludiert ist, spricht sich langsam aber sicher auch bei Wenigfliegern herum. Das bedeutet, dass mit 4,99 Euro, 9,99 Euro oder 24,99 Euro für einen Onewayflug der Schnäppchenjagd-Instikt geweckt wird, jedoch bei Preisen von 99 Euro und mehr - ohne Gepäck versteht sich - bald nur noch ein müdes Lächeln auf die Lippen kommt. Viele Anbieter mit vielen Sitzen, die verkauft werden müssen, führen eben zu günstigen Preisen. Dass vermutlich keiner der Player sonderlich viel verdienen wird oder bei vielen Tarifen sogar - wenn man allein die Taxen beachtet - kräftig draufzahlt, interessiert den Kunden nicht. Dieser will billig fliegen und ist nur dann bereit mehr zu bezahlen, wenn er dafür auch Leistung und Flexibilität geboten bekommt. 

Für Austrian Airlines wird allerdings der Umstand, dass Anisec (Level) laut Ankündigungen von IAG-Konzernchef Willie Walsh auch Langstrecken ab Wien plant, besonders kompliziert. Nonstop-Konkurrenz auf AUA-Langstrecken würde ebenfalls zu sinkenden Ticketpreisen führen, was der ohnehin aus finanzieller Sicht des Carsten Spohrs nicht optimal laufender AUA-Langstreckenoperation nicht gerade zu Gewinnsteigerungen verhelfen würde. Verkehre kann man laut Spohr übrigens gezielt innerhalb des Lufthansa-Netzwerks über andere Drehkreuze wie Zürich, München und Frankfurt umleiten. Das einzige, das es dafür braucht, ist ein gegenüber dem AUA-Nonstop-Flug deutlich günstigerer Preis und genau das wird in vielen Fällen schon seit vielen Jahren praktiziert.

Zusammenfassend ist also festzuhalten, dass die zusätzlichen Angebote diverser Lowcoster zunächst mal zu sinkenden Preisen dank zusätzlichem Wettbewerb führen werden. Offen bleibt jedoch dabei wie lange sich die einzelnen Anbieter dieses Verlustgeschäft leisten wollen. Es geht dabei explizit nicht ums leisten können, sondern ums wollen. Eine mögliche Level-Langstreckenoperation ab Wien wäre ein Comeback einer Situation, die es in der Vergangenheit in Wien gab: Zwei Homebase-Carrier auf der Langstrecke, die übrigens beide über österreichische Zertifikate verfügen würden. Diesmal wären es aber nicht eine AUA in Transformation von einem Staatskonzern in die Privatwirtschaft und eine defizitäre Lauda-Air, sondern ein Stellvertreter-Wettbewerb zwischen den finanzstarken Konzernen Lufthansa und IAG. Ob es dazu kommen wird und wer die besseren Karten hat, ist natürlich mit Stand heute noch offen. Letztlich würden auch hier die Kunden von sinkenden Ticketpreisen und mehr Auswahlmöglichkeiten profitieren. Wer weiß, vielleicht schickt die Lufthansa Group womöglich noch Eurowings als mögliche Antwort an die IAG gegen mögliche Level-Langstrecken in den Wettbewerb. Alles ist möglich und in dieser Branche darf man Entscheidungen nicht mit Logik hinterfragen. Es geht manchmal nicht nur ums Geldverdienen, sondern manchmal auch nur darum dem Wettbewerber oder den Wettbewerbern lästig zu sein und das Feld nicht sang- und klanglos zu überlassen.

Bei Anisec (Level) und Laudamotion spielen übrigens auch noch regelrecht absurde Umstände mit, denn nahezu die gesamte Führungsetage von Anisec war vormals für Niki tätig und dem Vernehmen nach hat man schon ein bisschen den Drang im Blut, dass man es den Ex-Kollegen bei Laudamotion zeigen möchte, dass man es besser kann. Was jedoch alle gemeinsam haben ist, dass man es den Kollegen bei AUA, Lufthansa, Wizz Air, Easyjet, Volotea und wie sie alle heißen eben "zeigen möchte, dass man es besser kann und erfolgreicher ist". Es ist also definitiv nicht auszuschließen, dass die eine oder andere Entscheidung durchaus durch diese Gedanken beeinflusst sein könnte...

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Austrian Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan ist studierter Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Austrian Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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