In Schieflage: Germania sucht nach Lösungen

Berliner Ferienfluggesellschaft: "Prüfen aktuell mehrere Optionen einer Finanzierung, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern."

Airbus A319 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Die deutsche Ferienfluggesellschaft Germania befindet sich offenbar in akuter finanzieller Schieflage, denn laut einer Mitteilung der Airline prüfe man "aktuell mehrere Optionen einer Finanzierung, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern". Mit anderen Worten ausgedrückt bedeutet das, dass der Winter ziemlich frostig für Germania ist.

Germania galt unter der Führung des mittlerweile verstorbenen Gründers Hinrich Bischoff als fliegende Gelddruckmaschine, jedoch änderte sich in den letzten zehn Jahren das Geschäftsmodell grundlegend. Der Hauptfokus bewegte sich weg von ACMI und Charter hin zu Linienflügen auf eigene Rechnung. Das kleine, aber feine Problem des Carriers ist die mangelnde Bekanntheit auf dem deutschsprachigen Markt. Dies hat auch zur Folge, dass das Streckennetz zum Teil sehr vielen und häufigen Veränderungen unterworfen ist und Germania das Fluggerät an vielen verschieden Stationen, darunter auch kleine Airports wie Friedrichshafen, stationiert hat.

Unmittelbar nach der Air-Berlin-Pleite war die "zweite Berliner Airline" die erste Fluggesellschaft, die sich zahlreiche vormals von den insolventen Gebäudekollegen (Air Berlin und Germania sitzen im selben Office-Komplex) sicherten. Dieser Schritt brachte offensichtlich nicht so ganz den gewünschten Erfolg. Germania schreibt dazu: "Die europäische Luftfahrtbranche hat sich in der jüngsten Zeit stark verändert, insbesondere das Jahr 2018 war bekanntermaßen mit großen Herausforderungen verbunden. Die gesamte Branche befindet sich in einer Umbruchphase, von der auch Germania betroffen ist. Insbesondere unvorhersehbare Ereignisse wie massive Kerosinpreissteigerungen über den Sommer des vergangenen Jahres bei gleichzeitiger Abwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar, erhebliche Verzögerungen bei der Einflottung von Fluggerät sowie eine außergewöhnlich hohe Anzahl technischer Serviceleistungen an unserer Flotte waren für unser Unternehmen große Belastungen."

Das Portal Aerotelegraph.com berichtet, dass Germania bis 27. Dezember 2018 Kapital in der Höhe von 20 Millionen Euro aufbringen musste. Ob die Airline das konnte oder nicht, wurde nicht kommentiert, jedoch ortet das schweizerische Portal, dass Germania durch eine Anfrage aufgeschreckt wurde und deswegen eine Pressemitteilung zur aktuellen Lage heraus gab.

Die Fluggesellschaft vermeidet es in dieser Medieninformation die Probleme konkret zu beschreiben und mögliche Lösungsvorschläge anzureißen. Verschiedene Quellen sprechen gar davon, dass Germania Insolvenz anmelden könnte. Darauf angesprochen wollte dies Konzernsprecher Lars Wagner weder bestätigen noch dementieren, sondern verwies auf die Medienmitteilung. "Mehr haben wir heute mit Stand 19:00 nicht zu sagen", so der Sprecher. Airliners.de schreibt gar, dass Germania kurz vor der Insolvenz gestanden wäre.

Aerotelegraph.com schreibt, dass bislang Verkaufsbemühungen erfolglos geblieben werden, dennoch wäre man weiterhin auf der Suche nach möglichen Investoren. Der Konzern könnte laut dem zitierten Medienbericht teilweise oder zur Gänze verkauft werden, sofern sich dafür Interessenten bringen. Die Fluggesellschaft verfügt über Ableger in Bulgarien und der Schweiz. Eigentümer des Konzerns ist nicht mehr die Familie Bischoff, sondern seit einiger Zeit über die Germania Beteiligungsgesellschaft mbH Karsten Balke, der auch als CEO fungiert.

Germania setzte über viele Jahre hinweg nahezu ausschließlich auf das Muster Boeing 737. Kurzzeitig betrieb man unter dem Label "Germania Express" einen Billigflieger, der durch geschickte Verträge, die noch Hinrich Bischoff einfädelte, in Wetlease-Verträgen, die über den Umweg Deutsche BA bei Air Berlin landeten, mündeten. Die Fokker-100-Flotte wurde allerdings vor langer Zeit verkauft, jedoch noch zuvor medienwirksam am Flughafen Berlin-Tempelhof "zwischengelagert".

Der Ferienflieger entschied sich vor ein paar Jahren zur Umflottung auf Airbus-Maschinen und befindet sich gerade mitten in der der Übergangsphase. Eine solche Entscheidung kann langfristig sinnvoll sein, verursacht jedoch kurzfristig erhebliche Kosten. Ein wesentlicher Grund warum Ryanair Boeing zwar mit Untreue droht, jedoch letztlich wieder bei den Amerikanern bestellt. Auch Air Berlin hatte mit dem Airbus/Boeing-Mischbetrieb erhebliche Kosten zu tragen. Easyjet startete mit einer 737-Flotte, stieg jedoch später gänzlich auf Airbus um. Dennoch waren die Bilanzen der Übergangsjahre von zusätzlichen Kosten geplagt.

Germania muss als nichtbörsennotiertes Unternehmen der Rechtsform GmbH überhaupt keine Zahlen öffentlich publizieren. Lediglich um Amtsblatt Bundesanzeiger muss - wie in anderen Ländern in vergleichbaren Blättern - eine vereinfachte Bilanz veröffentlicht werden. Zwischen 2012 und 2016 konnte Germania nur ein einziges Mal einen Gewinn schreiben. Aerotelegraph.com wertete diese aus und stellte dabei fest, dass Verluste in der Höhe von 51,7 Millionen Euro aufgelaufen sind. Der Umsatz machte 2015 425 Millionen Euro auf und sackte im Folgejahr auf 369 Millionen Euro ab. In 2016 schrieb die Holding (Germania Beteiligungsgesellschaft) gar rote Zahlen: Minus 32 Millionen Euro. Bei den genannten Werten sind die Ergebnisse der Jahre 2017 und 2018 noch gar nicht berücksichtigt und angesichts der Medienmitteilung, die Germania am Dienstagabend verschickte, kann man annehmen, dass diese nicht gerade erfreulich sein könnten.

Die einzige Erklärung der Fluggesellschaft zur aktuellen Lage ist weiters: "Germania prüft aktuell mehrere Optionen einer Finanzierung, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern. Es geht dabei um die zentrale Frage, wie wir als mittelständisches Unternehmen auch weiterhin in einem Marktumfeld schlagkräftig bleiben, das von Fluggesellschaften mit konzernähnlichen Strukturen geprägt ist. Beim Flugbetrieb gibt es keine Einschränkungen, alle Germania-Flüge finden planmäßig statt."

Die weitere Entwicklung bleibt daher abzuwarten. Indirekt betroffen sein könnte auch die deutsche Fluggesellschaft Sundair, mit der Germania langfristige Wetlease-Verträge abgeschlossen hatte. Ob diese wie ursprünglich geplant abgenommen werden (können) ist derzeit ebenso unklar. Im Falle des Falles wird Sundair wohl die Kapazitäten anderweitig vermarkten müssen.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan ist studierter Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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