IATA: Die Baustellenmanager

Einmal im Jahr widmet der Weltluftfahrtverband IATA (er hat 265 Fluglinien als Mitglieder, die 83 Prozent des weltweiten Passagieraufkommens abdecken) einen Tag den Luftfahrt-Journalisten aus der ganzen Welt. Rund hundert haben sich diesmal wieder zum World Media Day in Genf, dem Sitz der IATA, eingefunden. Michael Csoklich war für Austrian Aviation Net mit dabei.

IATA-Chef Alexandre de Juniac beim Global Media Day (Foto: IATA).

Dieser Tag ist so etwas wie eine Art Jahresbilanz der IATA, eine Diskussion mit den Medien über die vielen Agenden, mit denen sich die Vereinigung beschäftigt. Heuer war es darüber hinaus auch der erste große Medienauftritt des neuen Generaldirektors Alexandre de Juniac. Er ist seit September Chef der IATA. Seine Ziele in dieser Position steckte de Juniac klar ab: Die IATA muss sich als Vertreter der Branche mehr Respekt vor allem gegenüber der Politik verschaffen. Sie muss zweitens Vorreiter für globale Standards sein, und sie muss drittens dem schnellen Wandel in der Luftfahrt immer einen Schritt voraus sein. Darüberhinaus nannte de Juniac als Ziele Sicherheit und Nachhaltigkeit. 

Hochgesteckten Ziele, denn die Luftfahrtbranche steht - mittlerweile als Dauerzustand - in und vor großen Herausforderungen. Und die IATA sucht nach Antworten für die vielen "Baustellen". 

Sicherheit
Sicherheit hat oberste Priorität, trommeln die Verantwortlichen unermüdlich. Jeden Tag gibt es etwa 100.000 Flüge weltweit. Im ersten Halbjahr 2016 ereigneten sich laut IATA 30 schwere Unfälle mit insgesamt 140 Todesopfern. Damit statistisch gesehen ein Passagier in einen Unfall verwickelt wird, müsste er 1.800 Jahre lang täglich einmal fliegen. Das von der IATA entwickelte Sicherheitsaudit IOSA wenden derzeit mehr als 400 Fluglinien an. Die Zahl der Unfälle von nicht nach IOSA zertifizierten Fluggesellschaften ist weltweit im Schnitt dreimal höher. In Afrika ist deren Zahl etwa 10 mal so hoch, was die Probleme des Kontinents deutlich widerspiegelt. Neben der eigentlichen Flugsicherheit gibt es die Bedrohungen durch Terror und Cyber-Attacken. Da fordert die IATA die Regierungen zur engeren Zusammenarbeit und dem Austausch von Wissen und Daten auf.

Ein Sicherheitsthema sind auch die Probleme mit den Lithium Batterien. Da macht nicht die einzelne Batterie Sorgen, sondern die oft tausenden Batterien, die in allen Handys, Tablets, PCs etc. in einem Flugzeug an Bord sind. Ein weiteres Problem sind auch die sogenannten "Unruly Passengers". Fluggäste also, die randalieren, tätlich werden und nicht zu bändigen sind. Fast 11.000 waren es im Vorjahr, die Zahl nimmt stark zu. Vier von zehn Fluglinien mussten in den vergangenen 12 Monaten einen Flug aus diesen und ähnlichen Gründen umleiten. Hier fordert die IATA einheitliche Zuständigkeiten und Rechtsvorschriften

Klimawandel
Vor wenigen Wochen hat die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO, eine Sonderorganisation der UNO, eine Reduktion des CO2-Ausstoßes beschlossen. Bis 2020 soll der Treibstoffverbrauch jährlich um 1,5 Prozent effizienter werden. Ab 2020 sollen dann die CO2-Emissionen nicht mehr weiter steigen, und bis 2050 sollen sie auf die Hälfte des Ausstoßes von 2015 reduziert werden. Und das ungeachtet eines erwarteten Wachstums der Branche von jährlich circa 5 Prozent. Erreicht werden soll das durch den Einsatz technischer Innovationen, darunter Biosprit, einen effizienteren Flugbetrieb und eine bessere Infrastruktur. 

Single European Sky
Vom einheitlichen europäischen Luftraum spricht die EU seit Jahrzehnten. Nationale Egoismen und Gewerkschaften verhindern ihn aber. Der Luftraum ist damit ineffizient organisiert und es kann nicht möglichst "gerade" von Punkt zu Punkt geflogen werden. Das verursacht in Europa Verspätungen für die Passagiere von jährlich 14 Millionen Minuten und einen höheren Treibstoffverbrauch. Tendenz steigend. Die meisten Flüge an einem einzigen Tag gab es heuer im September mit 34.500. die EU-Kommission schätzt, dass es 2035 um 13.000 mehr sein werden. Weil sich EU-weit nichts tut, wird jetzt seitens der IATA versucht, die Lufträume in den einzelnen EU-Staaten effizienter zu machen. "Wir wollen den Single European Sky von unten her aufbauen", heißt es in Genf. 

Infrastruktur
Rund 3,8 Milliarden Menschen werden heuer geflogen sein. 2035 sollen es mit 7 Milliarden Passagieren fast doppelt so viele sein. Neben der Luftraumüberwachung sind auch die Flughäfen darauf nicht vorbereitet. Von den 100 weltweit am stärksten frequentierten Airports ist die Hälfte schon jetzt an der Kapazitätsgrenze, sei es bei den Terminals, sei es bei den Startbahnen. Die andere Hälfte steht spätestens in 10 Jahren vor diesen Problemen. Mehr als 1.000 Milliarden US-Dollar werden in neue Terminals wie auch Start- und Landebahnen investiert werden müssen. Sind diese aber wegen der Bürgerbewegungen überhaupt durchsetzbar? Wie also sieht der Flughafen der Zukunft aus? Darüber wird in der IATA getüftelt. 

Finanzen
Die Branche wird heuer einen Rekordgewinn erzielen von in Summe 35,6 Milliarden US-Dollar. Der nach wie vor niedrige Kerosinpreis ist ein Grund, laufende Strukurreformen der Airlines ein anderer. Die enorme Summe täuscht, alleine die US-Carrier stauben 50 Prozent der Gewinne ab, und sehr viele Fluglinien machen überhaupt teils hohe Verluste. 2017 werden die Gewinne sinken, denn der Kerosinpreis soll weiter steigen und die Weltwirtschaft nicht mehr so wachsen wie zuletzt.

Der Blick auf die Gewinne alleine verzerrt die Wirklichkeit. Im Schnitt liegen die Ticketpreise heute 60 Prozent unter dem Niveau von 1995. Im Durchschnitt (!) verdienen die Fluglinien pro Passagier rund 7 US-Dollar. Die Spanne ist also klein. Oft zu klein für die notwendigen Investitionen. In den kommenden 20 Jahren, so schätzt die Industrie, werden alleine für neue Flugzeuge 6.000 Milliarden US-Dollar an Investitionen benötigt. Die Kapitalkosten müssen verdient werden, das ist schwierig. Denn erst seit 2014 liegen die Kapitalerträge wieder über den Kapitalkosten. Wenn Investoren in die Airlineindustrie investieren, bekommen sie weniger für Ihr Geld als in anderen Branchen. Die Kosten lassen sich ebenso wenig ad infinitum senken wie sich höhere Ticketpreise und somit Erlöse durchsetzen lassen. Einheitliche Standards und Effizienz sollen sparen helfen.

Gepäck
Etwa 20 Milliarden Gepäckstücke werden jährlich in Flugzeugen transportiert. 23 Millionen davon kamen nicht gleich ans Ziel, ein Prozent davon wird beschädigt. Mehr als 99 Prozent der Gepäckstücke kommen also heil an und ans richtige Ziel. Trotzdem wird an einem System gearbeitet, das die Gepäckstücke ununterbrochen verfolgbar macht.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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