Germania will Slots verkaufen - Fluko verteilt sie aber schon neu

Deutsche Medien kritisieren komplexe Firmenstruktur und die beiden Hotels wurden erst kürzlich an Ingrid Bischoff zurückverkauft.

Boeing 737-700 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Rund um die Pleite der deutschen Germania Fluggesellschaft kommt nun ein ganzes Netzwerk von Firmen ans Tageslicht, deren Funktionen offenbar undurchsichtig sind. Fast alle Firmen haben aber gemeinsam, dass der Sitz mit jener der Rechtsanwaltskanzlei, für die Germania-Chef Karsten Balke arbeitet, deckungsgleich ist. Dieser bestreitet jedoch sämtliche Vorwürfe, die von deutschen Medien erhoben werden, bestätigt jedoch, dass die beiden Germania-Hotels erst vor ganz kurzer Zeit verkauft wurden. Käuferin ist ausgerechnet die Witwe des Firmengründers: Ingrid Bischoff.

Das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erhebt schwere Vorwürfe gegen Germania-Chef Karsten Balke und behauptet unter Berufung auf Akten des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg, dass dieser Vermögenswerte der Germania Fluggesellschaft mbH auf andere Gesellschaften, die zum Teil als so genannte Vorratsgesellschaften frisch erworben wurde, übertragen habe. Das Magazin behauptet dabei, dass dadurch der Zugriff des Insolvenzverwalters erschwert werden soll. Balke weist dies allerdings gegenüber der Bild-Zeitung scharf zurück und sagt, dass es sich um Vorratsgesellschaften ohne jegliche Vermögenswerte handeln würde und auch nichts von Germania Fluggesellschaft auf diese "verschoben" worden wäre.


Am Sitz von Germania-Fluggesellschaft-Eigentümer Germania Beteiligungsgesellschaft mbH sitzen laut Firmenbuch dutzende Firmen, die mit dieser und/oder Karsten Balke, der dort auch seine Rechtsanwaltskanzlei unterhält, verbunden sind (Foto: Thorsten Winkelmann).

Ein durchaus interessantes Detail ist, dass Germania unter der Führung des Dr. Hinrich Bischoff zwei Hotels erwarb und direkt als Abteilungen der Fluggesellschaft betrieb. Dabei handelt es sich um das Usedom Palace und das Waldhaus Prieros, dem ehemaligen Wohnsitz des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Im Jahr 2016 gliederte Karsten Balke die beiden Häuser in die Germania Grundbesitz GmbH, die laut Impressum auch als Betreiberin fungiert, aus und so wurden die Hotels zu einer Konzernschwester der Airline. "Der Spiegel" deckte auf, dass erst vor wenigen Tagen ein Besitzerwechsel erfolgt ist, denn die beiden Herbergen wurden an Ingrid Bischoff, Witwe des Firmengründers, zurückverkauft. 

Karsten Balke bestätigte gegenüber der "Bildzeitung" den Deal und erklärt, "dass Frau Bischoff einen angemessenen und marktüblichen Kaufpreis bezahlt" habe. Auch wären die Liegenschaften zuvor von einem externen Unternehmen bewertet worden. 

Ein weiterer Umstand, den der Spiegel kritisiert ist, dass der Kaufvertrag bzw. die Optionen für Airbus-Maschinen auf eine andere Gesellschaft übertragen wurden. Balke sagte gegenüber Bild dazu: "Die Firma Germania Flugzeugbeteiligungsgesellschaft wurde nicht zu dem Zwecke gegründet, Vermögenswerte, die bei der Germania-Fluggesellschaft angesiedelt waren, dorthin zu übertragen. Auch tatsächlich hat dorthin keine Übertragung von Vermögenswerten stattgefunden. Es handelt sich hierbei lediglich um eine Vorratsgesellschaft ohne Vermögenswerte oder Geschäft. Soweit ein Vertrag mit Airbus über einen möglichen Kauf von 25 Flugzeugen übertragen wurde, stellt dieser Vertrag an sich keinen Vermögenswert dar. Denn der Kaufpreis für die Flugzeuge wurde noch nicht bezahlt. Der neue Erwerber des Vertrages müsste den Kaufpreis somit bezahlen, wenn er die Flugzeuge erhalten möchte."

In der Tat gibt es bereits Airlines, die an den Neo-Maschinen, die von Airbus noch gar nicht produziert wurden, durchaus großes Interesse haben. Die Lieferslots sind vergleichsweise sehr kurzfristig und ermöglichen eine rasche Einflottung dieser Maschinen. Beispielsweise wurden Ryanair-Chef Michael O'Leary und Lauda-Geschäftsführer bereits kurz nach dem Germania-Grounding in Toulouse gesehen. Ob ein konkreter Zusammenhang mit den Germania-Lieferslots besteht oder nicht, ist unklar, jedoch ist anzunehmen, dass darüber gesprochen wurde, denn für Airbus dürfte ein Erstauftrag der Ryanair Group von besonderem Prestige sein.

Insolvenzverwalter will Slots erhalten, Fluko Deutschland verteilt sie schon neu

"Unser vorrangiges Ziel ist es, die Fluglinie betriebsbereit zu halten, um die Start- und Landeslots behalten zu können. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Lösung, die den Geschäftsbetrieb als Teil oder als Ganzes erhält", teilte Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg in einer ersten Aussendung mit. Weiters wurde - wie Bild berichtet - zwischenzeitlich die Unternehmensberatung Roland Berger beauftragt einen Überblick zu verschaffen und die Suche nach Investoren zu unterstützen.

Allerdings gibt es bei den Slots ein massives Problem für den Insolvenzverwalter, denn durch den Entzug von AOC und Betriebsbewilligung durch das Luftfahrtbundesamt ist Germania keine Airline mehr und kann keine Slots mehr halten. Die zuständige Flughafenkoordination Deutschland bestätigte gegenüber der Wirtschaftswoche, dass die ehemaligen Germania-Slots bereits "tagesaktuell an beantragende Luftfahrtunternehmen weitervergeben werden". Und Interesse besteht insbesondere in Düsseldorf seitens Eurowings, Lauda und anderen Airlines. Der von Wienberg angestrebte Erhalt und mögliche Verkauf der Slots dürfte damit aus luftfahrtrechtlichen Gründen schwierig werden, zumal die Fluko Deutschland diese bereits tagesaktuell neu verteilt.

Reisebüros sahen seit Monaten keine Provisionen mehr

Die Germania Fluggesellschaft war eine der weltweit letzten Airlines, die Reisebüros noch Provisionen für die Vermittlung von Tickets bezahlte. Doch Geld sahen die Agenturen mindestens seit November 2018 nicht mehr, wie aus einem FAQ des Insolvenzverwalters abzuleiten ist. Das bedeutet in weiterer Folge, dass die Reisebüros aufgrund des Zahlungsverzugs der Germania zumindest eine äußerst angespannte Finanzlage hätten vermuten müssen und ihre Kunden vor dem Kauf darüber hätten aufklären müssen. Daraus können geschickte Rechtsanwälte durchaus Regreßánsprüche gegen den Vermittler ableiten, da dieser - wie erwähnt - aufgrund von Zahlungsverzug zumindest seit November gewusst haben muss, dass mit den Finanzen der Germania etwas nicht stimmen könnte.

Weiters Schreibt Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg in diesem FAQ, dass er davon ausgeht, dass das Verfahren "aufgrund der "Komplexität der Vermögensverwertung" länger dauern könnte. Weiters gibt er an, dass er damit rechnet, dass im Laufe des April 2019 das reguläre Insolvenzverfahren über Germania eröffnet werden wird.

Insbesondere in sozialen Netzwerken stoßen sich Ticketkäufer, die am 4. Feber 2019 auf der Homepage der Germania gebucht haben, daran an, dass das Unternehmen an diesem Tag gegen 13 Uhr 00 den Insolvenzantrag abgegeben hat und von der Anordnung des Entzugs von AOC und Betriebsbewilligung nicht nur wusste, sondern gezielt die Flugzeuge nach Deutschland rückführte, dennoch konnte man bis tief in die Nacht des 4. Feber 2019 noch Tickets erwerben. Wer gebucht hatte, dessen Geld ist nun Teil der Insolvenzmasse.

Mittlerweile fliegen übrigens Leasinggeber ihr Eigentum, also ihre Flugzeuge, nach und nach aus, so dass ein Neustart der Airline noch unwahrscheinlicher wird als bislang öffentlich bekannt.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan ist studierter Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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