Germania-Chef Karsten Balke im Interview

Die deutsche Germania-Gruppe wird in Kürze in Afrika mit der Tochter „Gambia Bird“ durchstarten. In der spektakulären Firmengeschichte der Airline hatte Germania häufig die Nase vor dem Wettbewerb. Besonders im Bereich der Flugzeugvermietung gilt Germania als erste Adresse für Wetlease. Austrian Aviation Net sprach mit Germania-Generalhandlungsbevollmächtigtem Karsten Balke unter anderem über das jüngste „Baby“ in Afrika, die neue Airbus-Flotte und seinem Erholungsort Germania Fluggesellschaft.

Karsten Balke ist seit Jahresanfang Generalhandlungsbevollmächtigter bei Germania. (Foto: Germania Fluggesellschaft mbH)

Die „Germania-Gruppe“ sorgte unter der Führung des im Jahre 2005 verstorbenen Firmengründers Dr. Hinrich Bischoff immer wieder für Schlagzeilen. Es gelang der Airline stets eine Nische zu finden, nicht nur um zu überleben, sondern auch um zu eine großen Unternehmensgruppe heranzuwachsen, der demnächst auch eine Fluglinie in Afrika angehören wird. Der verstorbene Firmenchef Dr. Bischoff galt als unberechenbares Phantom der Rollbahn und überraschte die Airlinebranche immer dann, wenn am wenigsten damit gerechnet wurde. Die Erben der Germania-Fluggesellschaft entschieden sich gegen den Verkauf und entwickelten die Fluglinie weiter. 

Austrian Aviation Net sprach am Montag mit Germania-Generalhandlungsbevollmächtigtem Karsten Balke, der seit Jahresanfang bei Germania unter anderem für die kaufmännische Leitung des Konzerns zuständig ist. Durch diverse Mandate in der Airlinebranche konnte sich der Jurist einen guten Ruf aufbauen und genießt das volle Vertrauen der Gesellschafter.

Austrian Aviation Net: Welche Funktion hat die SAT – Special Air Transport – im Germania-Konzern?
Karsten Balke: Die SAT ist Eigentümerin unserer Flugzeuge. Ein Großteil der Flotte ist an Germania vermietet, aber auch anandere Kunden.

AANet: Seit vielen Jahren fliegt Germania im Weltlease für Air Berlin. Diverse Gerüchte besagen, dass Air Berlin diese Verträge aufgelöst hat. Ist an der „Sache“ etwas dran?
Balke: Die Wetlease-Verträge wurden nicht gekündigt, sondern jeder Vertrag hat eine Laufzeit, die zu einem bestimmten Termin zu Ende geht. Im Sommer kamen wir Air Berlin entgegen und haben einige Flieger herausgenommen, jedoch wurde im Gegenzug die Laufzeit für andere Maschinen verlängert.

AANet: Wird Germania mittelfristig – also heute in 12 Monaten – noch für Air Berlin fliegen?
Balke: Ja, auch in 12 Monaten werden wir noch im Wetlease für Air Berlin fliegen.

AANet: Erstreckt sich das Wetlease-Abkommen auch auf Airbus A319?
Balke: Nein, ausschließlich auf unsere Boeing 737-700-Flugzeuge.

AANet: Zahlreiche Germania-Flugzeuge sind noch nicht in der aktuellen Lackierung der Air Berlin unterwegs. Welche Ursache hat das?
Balke: Bei auslaufenden Verträgen wird man kaum jemanden finden, der für die Kosten eines neuen Paintings aufkommt. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Air Berlin sehr gut zusammen, aber bisher hatten wir keine Forderung betreffend einer Umlackierung unserer für Air Berlin betriebenen Flugzeuge.

AANet: Sie bauen derzeit eine stattliche Airbus A319-Flotte auf. Worin sehen Sie die Vorteile des Airbus A319 gegenüber der Boeing 737-700?
Balke: Unsere Boeings sind rund zehn Jahre alt oder älter. Ein wesentlicher Anteil unserer Boeing 737-700-Flotte wurde im Jahre 1998 gebaut und unsere Airbus A319 sind brandneu. Beide Flugzeugtypen haben ihre Vor- und Nachteile. Der A319 hat gegenüber der Boeing 737 ein größeres Overhead Bin, ist etwas treibstoffeffizienter und bietet viele Vorzüge, die eben ein neues, modernes Flugzeug hat. Wenn wir aber neue Boeing 737 gekauft hätten, dann wäre dort auch alles auf dem neuesten Stand ausgeliefert worden. Mit dem Airbus A319 sind wir sehr zufrieden und werden bald zwei noch größere Airbus-Maschinen dazu bekommen. Im November 2013 und im Februar 2014 wird uns je ein neuer Airbus A321 ausgeliefert. 

AANet: Das heißt aber auch, dass eine Umflottung von Boeing auf Airbus im vollen Gange ist?
Balke: Wir halten uns natürlich alle Optionen offen, aber wir flotten derzeit auf Airbus-Flugzeuge um. Der Airbus A319 ist günstiger zu haben. Natürlich überlegen wir, ob wir die eine oder andere Boeing 737 mit Winglets aufrüsten und so gegenüber unseren A319 etwas aufholen. Ein älteres Flugzeug ist aber auf keinen Fall ein schlechtes Flugzeug, denn durch gute Wartung und die Umrüstung der Kabine auf aktuelle Standards nimmt der Passagier gar nicht wahr, dass die Maschine schon einige Jahre im Dienste steht. Die Lufthansa fliegt immer noch mit der 300er-Version der Boeing 737, hat diese komplett überholt und so wirken die Flugzeuge wie neu. Ein Flugzeug unterliegt in Deutschland und Europa sehr strengen Wartungs- und Sicherheitsvorschriften, so dass zu jedem Zeitpunkt die Sicherheit der Passagiere gewährleistet ist.

AANet: Unter dem Namen „Germania Express“ wurden noch unter der Regie Ihres Firmengründers Dr. Hinrich Bischoff mit dem besonderen Konzept des Fliegens zum Fixpreis zahlreiche Europastrecken angeboten. Ihre Tochtergesellschaft „Flynext“ wurde in „Germania Express“ umbenannt. Warum wird genau dieser Name genutzt?
Balke: Nach der Übernahme der Flynext von dem bisherigen Gesellschafter wollen wir die Zugehörigkeit zum Konzern verdeutlichen und unsere Markenrechte an „Germania Express“ auch nutzen.

AANet: Germania Express wird Flugzeuge an ihre neue Tochter „Gambia Bird“ vermieten. Was werden Sie mit Gambia Bird ihren zukünftigen Fluggästen anbieten? Handelt es sich dabei um einen Billigflieger, eine Charter- oder Linienfluggesellschaft?
Balke: Mit Gambia Bird bauen wir ganz klar eine Linienfluggesellschaft auf, die ein sich zu 85% innerhalb des afrikanischen Kontinents befindliches Streckennetz haben wird. Von Afrika aus werden wir von Beginn an zwar drei Strecken nach Europa anbieten, aber unser Kerngeschäft werden Flüge innerhalb Afrikas sein. Die Flugzeuge der Germania Express werden dazu in eine Zweiklassenbestuhlung umkonfiguriert und 12 Sitze in der Premium-Economy-Klasse und 126 Plätze in der Economy-Class bieten. Die Passagiere erwartet ein deutscher, europäischer Standard, was Administration, Sicherheit, Pünktlichkeit und Wartung angeht sowie ein lokaler Service mit Produkten aus Afrika. Damit wollen wir auf dem afrikanischen Markt als Airline wachsen, denn hier sehen wir sehr viel Potential für uns.

AANet: Wird es gemeinsame Angebote von Germania und Gambia Bird geben?
Balke: In nächster Zukunft werden wir den westafrikanischen Markt abdecken, weil hier ein entsprechender Service fehlt beziehungsweise nicht gemäß unserem Verständnis von deutschen oder europäischen Standards vorhanden ist. Wir fangen in Banjul mit einem Flugzeug an. Später entwickeln wir mit einer zweiten Maschine den Hubverkehr aus Banjul heraus und eröffnen neue Strecken nach Europa. Dabei kann es natürlich auch zu Berührungspunkten mit dem Germania-Streckennetz kommen.

AANet: Das Chartergeschäft ist ein wichtiges Standbein der Germania und steht derzeit europaweit stark unter Druck. Woran liegt das?
Balke: Generell steht das Chartergeschäft derzeit überall unter Druck und diverse Charterfluggesellschaften aus dem europäischen und außereuropäischen Raum drängen auf den deutschen Markt. Die Akzeptanz bei den großen Reiseveranstaltern steigt zunehmend und dadurch entsteht mehr Wettbewerb, der Druck steigt. Wir konzentrieren uns gerade deswegen auf unser eigenes Produkt, um unsere Flotte unternehmerisch orientiert zu beschäftigen.

AANet: Das führte sicherlich auch zur Flottenreduktion und dem Ausbau der Germania-Flüge in Eigenregie…
Balke: Ab 2009 haben wir die Eigenbeschäftigung unserer Flugzeuge signifikant erhöht und haben heute 11 Maschinen im Eigenbetrieb. Nächstes Jahr kommt noch eine zwölfte Maschine dazu. Wir stärken den Einzelplatzverkauf und werden mehr im Teilcharter unterwegs sein. Seit April sind wir über das GDS-System „Amadeus“ weltweit verfügbar. Natürlich suchen wir immer neue Betätigungsfelder, so kam im Vorjahr beispielsweise der Airbus-Werksshuttle dazu.

AANet: Wie kam es dazu, dass Germania den Zuschlag für den Airbus-Werksshuttle erhalten hat?
Balke: Der Zuschlag für den Airbus-Werksshuttle ist ein großer Erfolg für uns. Wir haben uns dafür beworben und offensichtlich das beste Angebot dafür abgegeben. Airbus erteilte uns einen Dreijahresvertrag für die Durchführung des Werksverkehrs zwischen Hamburg-Finkenwerder und Toulouse im doppelten Tagesrand. Zwei Flugzeuge sind hier täglich für Airbus im Einsatz und das ist schon eine gute Beschäftigung für uns.

AANet: Gibt es derzeit konkrete Pläne für Germania-Flüge ab Wien?
Balke: Im Moment gibt es keine Pläne für Flüge ab Wien. Wir sind für alles offen, aber eine proaktive Expansion nach Österreich ist nicht in Planung.

AANet: Als Generalhandlungsbevollmächtigter des Germania-Konzerns haben Sie sicherlich einen arbeitsreichen, stressigen Alltag. Wie und wo können Sie sich am besten entspannen?
Balke: Diese Frage habe ich mir in den vergangenen Monaten selbst gar nicht gestellt. Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß und ich freue mich jeden Tag auf unsere Mitarbeiter und neue Herausforderungen. Kleine Teilerfolge und unser tolles Team geben mir die notwendige Motivation und dafür investiere ich natürlich auch sehr viel Zeit. Auf unsere Mitarbeiter bin ich stolz, denn das ist wirklich ein gutes und tolles Team bei unserer Germania Fluggesellschaft.

AANet: Vielen Dank für das Interview, Herr Balke.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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