Geldhahn abgedreht: Air Berlin ist insolvent

Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Flugbetrieb soll fortgeführt werden. Übergangskredit in Höhe von 150 Millionen Euro.
Letztes Update am 15.08.2017 um 17:42 Uhr.

Airbus A321 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Die angeschlagene deutsche Fluggesellschaft Air Berlin musste am Dienstag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg den in Branchenkreisen schon länger erwarteten Insolvenzantrag stellen. Der Carrier beantragte dabei ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. "Wir arbeiten unermüdlich daran, in dieser Situation das Beste für das Unternehmen, für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter zu erreichen", so Firmenchef Thomas Winkelmann in einer ersten Reaktion.

Die Vereinigung Cockpit sieht die Hauptursache in falschen strategischen Weichenstellungen und Managemententscheidungen, die bereits viele Jahre zurückliegen. "Da kann man schon mal die Frage stellen, wer davon profitiert hat, wenn z.B. Leasinggeber an überteuerten Verträgen mit Air Berlin viel Geld verdienen, während das Unternehmen riesige Verluste angehäuft hat", erklärt VC-Präsident Illja Schulz, der den Insolvenzantrag auch als großen Schock bezeichnet.

"Nachdem Air Berlin heute beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt hat, mit dem Ziel, die bereits eingeleitete Restrukturierung fortzuführen, unterstützt Lufthansa gemeinsam mit der Bundesregierung die Restrukturierungsbemühungen der Fluggesellschaft. Damit wird unter anderem gewährleistet, dass die von Air Berlin geleasten Flugzeuge, die aktuell für Eurowings und Austrian Airlines fliegen, wie bisher weiterbetrieben werden können", erklärt Mitbewerber Deutsche Lufthansa AG in einer Aussendung.

Hintergrund ist offenbar, dass Großaktionär Etihad Airways ungeachtet einer vormaligen Unterstützungserklärung den Geldhahn abgedreht hatte. "Die Bundesregierung ist von Air Berlin informiert worden, dass die von ihrem Partner Etihad gegenüber Air Berlin gemachten schriftlichen Zusagen hinsichtlich der kurz- und mittelfristigen Sicherung der Zahlungsfähigkeit aufgekündigt worden sind", hieß es am Dienstag in einer Erklärung des deutschen Wirtschaftsministeriums. Um die Flugtätigkeit von Air Berlin aufrechterhalten zu können, hat die Bundesregierung entschieden einen Übergangskredit in Höhe von 150 Millionen Euro zu gewähren. Dieser Übergangskredit wird durch die KfW Bankengruppe zur Verfügung gestellt und durch eine Bundesbürgschaft abgesichert. 

Von Etihad selbst wurde nur ein sehr knapp gehaltenes Statement zu der Causa verschickt: "Diese Entwicklung ist für alle Beteiligten sehr enttäuschend, vor allem da Etihad in den letzten sechs Jahren anlässlich der früheren Liquiditätsprobleme sowie der Restrukturierungspläne sehr große Unterstützung für Air Berlin geleistet hat."

Etwas kritischer sieht die Vereinigung Cockpit die Rolle des Airline aus den Vereinigten Arabischen Emiraten; "Auch Etihad als Hauptinvestor, dem es primär um seine eigenen strategischen Interessen und der Anbindung an den europäischen Markt ging, hat seit Jahren Fehlentscheidungen getroffen, die nun darin gipfeln, keinen geregelten Übergang auf neue Investoren mehr zuzulassen. Etihad lässt die Air Berlin damit fallen wie eine heiße Kartoffel, obwohl neue Investoren Interesse signalisiert haben. Hier zeigen die Investoren vom Golf ihr wahres Gesicht. Dass Sozialstandards in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht existieren ist nicht neu. Etihad ist aber auch bei seiner Beteiligung an Air Berlin nur am eigenen Vorteil interessiert. Es ist ein Skandal, dass sich Etihad nun jeder Verantwortung entzieht und die Air Berlin-Mitarbeiter im Regen stehen lässt", erklärt VC-Chef Schulz.

Auch Lufthansa - so Air Berlin - soll sich an den Sanierungsmaßnahmen beteiligen. Etihad Airways hingegen informierte die Berliner, dass aufgrund einer negativen Fortführungsprognose keine weitere finanzielle Unterstützung mehr ausbezahlt werden würde.

Air Berlin betont zwar, dass sämtliche Niki- und Air-Berlin-Flüge planmäßig durchgeführt werden würden, jedoch sollten Reisende im Auge behalten, dass die deutsche Fluggesellschaft Insolvenz angemeldet hat und damit jeder Inhaber eines Flugtickets formell zu einem Massegläubiger wird. Auch kann es bei der Einlösung von Fluggutscheinen zu Problemen kommen.

"Die Verhandlungen mit Lufthansa und weiteren Partnern zum Erwerb von Betriebsteilen der Air Berlin sind weit fortgeschritten und verlaufen erfolgsversprechend. Diese Verhandlungen können zeitnah finalisiert werden", erklärt Air Berlin in einer Aussendung.

"Lufthansa befindet sich mit Air Berlin bereits in Verhandlungen über den Erwerb von Teilen der Air-Berlin-Gruppe und bietet damit auch die Möglichkeit zur Einstellung von Personal. Lufthansa  beabsichtigt, diese Verhandlungen zu einem schnellen und positiven Ergebnis zu führen", outet sich der Kranich-Konzern.

"Wir begrüßen den Brückenkredit der Bundesregierung, die die Fortführung des Flugbetriebs vorerst sicherstellen. Es muss es jetzt das Ziel aller Beteiligten, also auch der Zulieferer sein, den Flugbetrieb wieder in geordnete Bahnen zu überführen. Natürlich steht die VC der Geschäftsführung jederzeit zu Gesprächen über die Zukunft der Arbeitsplätze zur Verfügung. Der Luftverkehr in Deutschland wächst kontinuierlich. Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, diese deutschen Arbeitsplätze zu erhalten", so Ilja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit.

Autor: Jan Gruber
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