Ein Bobby mit Seele

Feierstimmung bei Lufthansa. Die gibt es trotz Streiks, sinkender Durchschnittserlöse und harter Konkurrenz. Der Anlass diesmal: die Ausflottung der Boeing 737. Einem Flugzeug, das mit der Entwicklung der Lufthansa eng verbunden ist, und das Lufthansa als Erstkunde wesentlich mit entwickelt hatte. 48 Jahre lang hatte Lufthansa seit 1968 in Summe 148 Boeing 737 fast aller Generationen im Dienst.

Captain Ulrich Pade am Steuer "seiner" Boeing 737 (alle Fotos: Michael Csoklich).

Vergangenen Samstag gab es den letzten offiziellen Linienflug von Nürnberg nach Frankfurt, am Montag noch einen allerletzten, einen Sonderflug. Mitarbeiter und Medienvertreter flogen unter den Flugnummern LH9922 und LH9923 von Frankfurt nach Hamburg und zurück. Empfangen jeweils mit dem traditionellen Water-Salut. Austrian Aviation Net war mit an Bord.

Ein großes "Thank You" für fast fünf Jahrzehnte Boeing 737 bei Lufthansa.

Am Steuer saß 737-Flottenchef Ulrich Pade höchstpersönlich. Als Flottenchef ist - war - er für alles diesen Flugzeugtyp Betreffende zuständig. Vom Flight Manuel bis zur personellen Verantwortung für die in der Blütezeit der 737 bis zu 600 Kapitäne und Copiloten. Jetzt am Schluß waren es nur mehr 150.

Lufthansa hatte zuletzt noch ganze sechs Boeing 737 in ihrer Flotte.

Ulrich Pade wird wehmütig, wenn er an die 737 denkt. "Sie lässt sich viel direkter fliegen, noch mit den Seilen", schwärmt er. Das kleine Cockpit und die Tatsache, dass darin nur mit dem Tablett auf den Knien gegessen werden konnte, bleiben da nur Randerinnerungen. Was er jetzt ohne die 737 weitermachen wird? In den kommenden Wochen fliegt er die letzten verbliebenen sechs 737-300 nach Florida, dort werden sie weiterverkauft. Ab kommenden Jänner wird er als "einfacher" Kapitän auf der Boeing 747-400 und 747-8 Passagiere durch die Weltgeschichte fliegen. "Und Freizeit wird wieder Freizeit sein."

Der charakteristische Triebwerkseinlass der zweiten Bobby-Generation.

Für Lufthansa haben alle 737 zusammen rund 5,5 Millionen Landungen absolviert und 250 Millionen Passagiere transportiert. Geflogen wurde eine Strecke, die 20 Marsmissionen oder 2,3 Milliarden Kilometer entspricht. Ein einzelnes Flugzeug müsste für diese Strecke mehr als 640 Jahre nonstop in der Luft sein. Der weiteste Flug führte von Frankfurt nach Las Palmas. "Die B737 war immer zuverlässig und treu, eine Liebesgeschichte geht jetzt zu Ende", sagte Harry Hohmeister, im Lufthansa-Vorstand für das Hub-Management zuständig.

Das Ende einer Liebesgeschichte für Vorstand Harry Hohmeister.

Nur für Lufthansa Technik in Hamburg geht die 737-Ära weiter. Auch in der neuesten Generation. Denn Lufthansa Technik hat Wartungsverträge mit weltweit 43 Kunden für 562 Exemplare. Zwei eigene 737-500 dienen als Trainingsobjekt für das technische Personal. In Hamburg wurden die 737 der Lufthansa bis zuletzt gewartet, aber "Oldtimer" in Schuss zu halten ist aufwendig und teuer.

Wohl die letzte Gelegenheit, Frankfurt aus der Kabine einer Lufthansa-737 zu sehen.

Genau diese und andere Kosten waren der Grund, warum die 737 bei Lufthansa jetzt keinen Platz mehr hat. Ab sofort wird der gesamte Kontinentalverkehr nur mehr mit Airbus-Flugzeugen geflogen. Das hebt Synergien und spart Kosten. Von der Pilotenausbildung über die Planung bis hin zum Vorhalten von unzähligen Ersatzteilen. Klaus Froese, bei Lufthansa zuständig für den Hub Frankfurt und konzernweit für den Flugbetrieb, schätzt das Einsparungspotential auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Water Salute für die gute, alte 737.

Auch wenn Lufthansa das Kapitel 737 beendet hat, der Flugzeugtyp selbst erfreut sich bester Gesundheit und ist eine wesentliche Säule des Erfolgs des US-Flugzeugherstellers Boeing. Mehr als 9.000 Maschinen wurden bisher verkauft. Laut Jubiläumsbroschüre startet oder landet alle 2 Sekunden irgendwo auf der Welt eine 737, mehr als 2000 sind im Schnitt zu jedem Zeitpunkt in der Luft. Mehr als 13.000 Bestellungen für die 737 Next Generation oder MAX hat Boeing in den Auftragsbüchern.

Die Erinnerung an die Boeing 737 zaubert wohl vielen ein Lächeln auf die Lippen.

Warum heißt die 737 unter den Lufthanseaten eigentlich Bobby? Es war eine Flugbegleiterin, die das Flugzeug in den 80er Jahren so nannte, und ein Kinderbuch über das Fliegen mit dem Titel "Ich heiße Bobby" geschrieben hat.

Ein letztes Farewell für die 737 bei Lufthansa.

"Ein Flugzeug ist mehr als die Summe seiner Einzelteile", beendet Kapitän Ulrich Pade den Sonderflug mit einer Lautsprecherdurchsage, "Bobby hat eine Seele".

Flottenchef Ulrich Pade mit dem Autor.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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