Die Luftfahrt im Hamsterrad

Einmal im Jahr ruft die Weltluftfahrtorganisation IATA zum Branchentreff und fast alle Fluglinienchefs kommen. Treffpunkt war diesmal Cancun auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Vieles drehte sich um Sicherheit, um Innovationen, um die Infrastruktur und vieles mehr. Doch die Branche ist im Umbruch. Eine Analyse von Michael Csoklich aus Cancun.

Foto: Martin Metzenbauer

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie haben eine Geschäftsidee, bauen eine Fabrik, produzieren und verkaufen und verdienen ordentlich. Eines Morgens kommen Sie als Unternehmer zu ihrer Fabrik und trauen ihren Augen nicht. Denn in der Nacht hat ihr Konkurrent eine doppelt so große Fabrik neben ihre gestellt und produziert das selbe wie sie. Was das mit Luftfahrt zu tun hat? Die Fabrik in meinem Beispiel ist ein Flugzeug, und die Passagiere steigen plötzlich nicht mehr bei ihnen ein sondern beim neuen Anbieter, weil er das Ticket viel billiger verkauft.

So ist es zum Beispiel den großen "alten" Fluglinien in Europa ergangen. Sie haben, anders als in Asien, Lateinamerika und den USA das Thema Billigfluglinien völlig unterschätzt. Immer mehr Menschen können und wollen privat fliegen, und sie wollen das auch von kleineren Städten aus tun können. Ein Erfolgsgeheimnis von Ryanair und Easyjet. Als Folge gingen ganze Märkte verloren. British Airways zum Beispiel spielt innerhalb von England kaum mehr eine Rolle.

Jetzt starten die großen Drei den Gegenangriff, wollen diesen Markt nicht mehr den beiden Billigmarken alleine überlassen und möchten verlorenes Terrain wieder zurückerobern. Am weitesten ist da die Lufthansa mit ihrer Billigmarke "Eurowings". Sie wächst rasant, auch Dank des Niedergangs von Air Berlin und ist Nummer Drei hinter Ryanair und Easyjet. British Airways hat die Billigmarke "Level" gegründet und fliegt erste Langstreckenziele in den USA an. Air France gründete "Boost" und erwartet bis zu 20 Prozent geringere Kosten. Wobei die Kosten weniger durch Sparen als durch höhere Produktivität sinken. Denn die Flugzeuge können bei Billigfluglinien viel mehr Stunden pro Tag fliegen. Bleibt abzuwarten, was das für Ryanair und Easyjet und deren Geschäftsmodelle bedeutet.

Immer wichtiger wird das Thema Cybersecurity. Die jüngsten Probleme von British Airways sind in aller Munde, auch wenn keine Angriffe von Außen den Betrieb lahmgelegt haben sollen. Jeden Tag gibt es hunderte Hackerangriffe auf die Systeme von Fluglinien, dabei geht es um den Diebstahl von Know How ebenso wie um Störungen des Betriebs. Heerscharen von IT Experten arbeiten ständig daran, die neuesten Angriffsmethoden zu kennen und Eindringversuche abzuwehren. Um Ausfälle zu vermeiden, werden Server gespiegelt, so dass Daten in redundanten Systemen zur Verfügung stehen. Wichtig ist, dass dIe Computersysteme der Flugzeuge von den Systemen am Boden völlig getrennt sind. Die Kosten gehen in die Millionen, Tendenz steigend.

Schauplatz des IATA Annual General Meeting: Cancun in Mexiko (Foto: Michael Csoklich).

Apropos Sicherheit und Unbekannte: ein wichtiges Thema bei der IATA Tagung in Cancun war das überraschende Verbot der US- und UK-Behörden, dass Laptops und Tablets in die Kabine mitgenommen werden dürfen. Bei Flügen aus Staaten wie der Türkei über die Golfregion bis nach Ägypten in die USA. Betroffen sind knapp 5 Millionen Passagiere und 17.000 Flüge im Jahr. Ein ähnliches Verbot für Flüge aus Europa ist noch nicht vom Tisch. Da ginge es dann um 30 Millionen Passagiere und 142.000 Flüge. In den Verhandlungen der EU-Kommission mit den USA spielen da Argumente der IATA eine große Rolle. Das wichtigste: Alle diese Geräte gehäuft im Frachtraum zu haben, erhöhe die Gefahr von Batteriebränden statt sie zu reduzieren. Ein Argument, das angeblich auf US-Seite angekommen sein soll. Stark kritisiert wurde von den Fluglinien, dass die Politik vor dem Verbot nicht den Dialog gesucht habe. Jetzt hofft die IATA, dass neue, konstruktive Lösungen gesucht und gefunden werden.

Zuversichtlich ist die Branche übrigens, die selbstgesteckten Klimaziele im Rahmen des Corsia-Abkommens erreichen zu können. Trotz des Ausstiegs der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Ab 2020 soll das Wachstum CO2-neutral erfolgen, bis 2050 soll dann der CO2-Ausstoß auf 50 Prozent des Niveaus von 2005 gesenkt werden. 70 Staaten haben das Abkommen bereits unterschrieben, diese umfassen 80 Prozent des künftigen Wachstums. Ein Ausstieg der USA aus dem Abkommen sei derzeit kein Thema, war die meistgehörte Antwort in Cancun.

Damit die Sache weiter nicht einfacher bleibt, bleiben noch die ständigen Begleiter im Auf und Ab von Fluglinien. Treibstoffkosten, Flughafengebühren und Luftfahrtsteuern, Überregulierung, alte und fehlende Infrastruktur wie zu kleine Flughäfen sowie politische Unsicherheiten rund um den Globus. Das Rad dreht sich weiter, und das immer schneller.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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