Brexit: "Es droht ein Chaos von epischen Ausmaßen!"

Die IATA fordert anlässlich des Austritts des Vereinigten Königreiches aus der EU von der Politik rasch Klarheit und Sicherheit. Michael Csoklich berichtet vom Media Day des Weltluftverbandes in Genf.

Wie der Hochstrahlbrunnen am Genfer See könnte der Brexit eine massive Eruption für das europäische Luftfahrtgefüge bedeuten (Foto: IATA).

"Deal or No Deal" - das ist derzeit die Frage, wenn es um den Austritt Großbritanniens aus der EU geht. Über das Ob, Wie und Wann nicht Bescheid zu wissen, verstärkt allerorts die Unsicherheit. Auch in der Luftfahrt, die ja vor allem hinter den Kulissen - und von den Passagieren oft unbemerkt - extrem verflochten ist.

Ohne Deal, also ohne Austiegsvertrag, wird es zu signifikanten Störungen im Flugverkehr kommen, sagte Rafael Schvartzman am Mittwoch in Genf vor der versammelten Weltpresse. Er ist bei der Weltluftfahrtorganisation IATA für Europa zuständig. Betroffen sein werden jedenfalls die Themen Sicherheit, Flugbetrieb, Passagier- und Gepäckkontrollen, die Grenzkontrollen und Fragen wie Überflugs- und Landerechte.

Besonders heikel sind die Sicherheitsfragen: Durch viele Abkommen und Zertifikate der EU sind diese innerhalb der EU und mit Nicht-EU-Staaten geregelt. Tritt Großbritannien aus der EU aus, fehlen ohne Abkommen all diese Regeln. Damit dürfen Fluglinien nicht mehr "einfach so" zwischen Großbritannien und der Europäischen Union fliegen. Auch Flugzeugteile wie Tragflächen, Triebwerke etc. können aus dem Vereinigten Königreich nicht mehr in die EU geliefert werden. Das würde vor allem Airbus treffen - Verzögerungen in der Flugzeugproduktion scheinen vorprogrammiert.

Rafael Schvartzmann (rechts, Foto: IATA).

Was heißt ein "No Deal" für die Passagiere? Jährlich fliegen 85 Millionen Menschen zwischen Großbritannien und der restlichen EU. Gepäck wie Passagiere müssten bei Flügen aus und in das Vereinigte Königreich nochmals das Sicherheitsprocedere durchlaufen. Gemeinsam mit strengeren Grenzkontrollen würde das die derzeit schon langen Warteschlangen bei der Security noch einmal verlängern. Denn schon jetzt reichen ja die Kapazitäten nicht aus. Noch mehr Ärger für die Passagiere ist also vorprogrammiert.

"Das Risiko für den weltweiten Luftverkehr durch einen Brexit ist hoch, die Auswirkungen werden viel tiefgreifender sein als wir denken, nicht nur innerhalb der EU", warnte Rafael Schvartzman. Noch drastischer drückt es IATA Generaldirektor Alexandre de Juniac aus: "Der Brexit ist keine gute Nachricht für die Luftfahrtbranche, es droht ein Chaos von epischen Ausmaßen!"

Die Forderung der IATA an Großbritannien und die EU ist klar: Sie will eine zweijährige Übergangsperiode, um Unterbrechungen im Flugverkehr zu verhindern. Egal ob "Deal" oder "No Deal".

Alexandre de Juniac warnt vor "Chaos" (Foto: IATA).

Sie fordert weiters, dass Großbritannien bei der Europäischen Flugsicherheitsagentur - wie auch die USA, Kanada und Singapur - auf die Liste von Drittstaaten gesetzt würde, denen man vergleichbare Sicherheitsstandards bei Passagierkontrollen wie in der EU attestiert. Dies würde zusätzliche Kontrollen überflüssig machen. Angesichts der starken Verflechtung der Lufträume von Großbritannien und der EU hält de Juniac eine gute Kooperation bei der Nutzung derselben auch künftig für unerlässlich.

Auch wirtschaftlich bringt der Brexit große Unsicherheit. Nach Ansicht der IATA sind in Großbritannien Wirtschaft und Luftfahrt bereits geschwächt, und es sinkt das Vertrauen. Das "National Institute of Economic and Social Research" in Großbritannien hat errechnet, wie sich der Brexit bis zum Jahr 2030 für das Land auswirken würde. Ein Deal mit Backstop senkt das BNP um 2,8 Prozent, ein Deal mit Freihandelsabkommen um 3,9 Prozent und ein Brexit ohne Deal würde ein Minus um 5,5 Prozent bedeuten. Welches Szenario auch immer - es würde sich auch negativ auf den Flugverkehr auswirken.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Er ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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