Balke: "Familien wollen nicht ständig das Portemonnaie zücken"

Germania-Konzernchef Karsten Balke im ITB-Messetalk.

Der Jurist und Rechtsanwalt Karsten Balke ist Konzernchef bei Germania (Foto: Germania Fluggesellschaft m.b.H.).

Die Ferienfluggesellschaft Germania war nach dem Air-Berlin-Insolvenzantrag im August des Vorjahres einer der ersten Carrier, der den Ausbau von Kapazitäten ankündigte und auf der einen oder anderen Route die Lücken, die Air Berlin und Niki hinterlassen haben, füllen wird.

Zuletzt teilte Germania-Konzernchef Karsten Balke mit, dass die Kapazität angebotener Germania-Flüge in der kommenden Sommersaison 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent steigt. Im Streckennetz werden über 50 neue Verbindungen angeboten. Zum Sommer 2018 wird die Germania bis zu sieben Airbus-Flugzeuge zusätzlich in die Flotte aufnehmen. Parallel dazu ersetzt die Airline wie angekündigt erste Boeings gegen Airbus-Maschinen, wodurch die Vereinheitlichung der Flotte vorangetrieben wird. Diese wächst somit zum Juni auf insgesamt bis zu 36 Maschinen. Weiters wird das Personal neue Uniformen erhalten.


Foto: Flughafen Erfurt / Max Reymann.

Austrian-Aviation-Net-Redaktionsleiter Jan Gruber sprach am Rande der ITB in Berlin mit Germania-Geschäftsführer Karsten Balke. Der Luftfahrtmanager ist auch Gesellschafter der Ferienfluggesellschaft.

Austrian Aviation Net: Herr Balke, die Germania wird die Airbus-Flotte weiter ausbauen und die letzten verbliebenen Boeing 737 ausflotten. Germania war ein langjähriger Boeing-Nutzer. Warum fiel die Entscheidung auf Airbus-Maschinen?
Karsten Balke: Das war eine mehrstufige Entscheidungsfindung. Wir haben bereits im Jahr 2010 fünf Airbusse gekauft, die 2011 bis 2014 ausgeliefert wurden. Die Entscheidung für Airbus fiel damals insbesondere vor dem Hintergrund, dass Boeing Lieferschwierigkeiten hatte und die Bedingungen bei Airbus im Hinblick auf Lieferzeitpunkte, sonstige technische Neuerungen und natürlich den Preis besser waren. Mit einer Mischflotte in den Jahren 2015/2016 war uns natürlich klar, dass wir uns bei unserer Unternehmens- und Flottengröße auf einen Hersteller fokussieren mussten. Insofern haben wir mit beiden Herstellern verhandelt und bei Airbus schließlich unter Beachtung der Auslieferungszeitpunkte, der Technologie und diesbezüglich insbesondere der Triebwerke ein möglichst modernes, effizientes, den übrigen Bedingungen entsprechendes und auch preiswertes Fluggerät bekommen. Das hat uns Airbus angeboten. Deswegen haben wir 2016 25 Flugzeuge des Typs Airbus A320neo Pratt & Whitney-powered verbindlich bestellt und uns darüber hinaus noch 15 Optionen gesichert.

Austrian Aviation Net: Die Air Berlin samt Niki trat ja bekanntlich nicht ganz freiwillig aus dem Markt aus. Germania kann seither stark wachsen. Wie wird sich der Markt im Jahr 1 nach Air Berlin, Ihrer Meinung nach, weiter verändern und wie kann Germania davon profitieren?
Karsten Balke: Zunächst einmal vorab, Germania ist auch in den Vorjahren schon gewachsen, auch als Air Berlin noch existierte: Alleine vom Jahr 2016 ins Jahr 2017 um vier weitere Flugzeuge und jetzt von 2017 zu 2018 noch einmal um sieben Flieger, die wir zur Gesamtflotte hinzunehmen. Natürlich ist das Ausscheiden der Air Berlin insoweit vorteilhaft, als dass wir an den Stationen, an denen wir bereits waren, also in Berlin, Düsseldorf, Nürnberg und Zürich, bestimmte Flüge übernehmen konnten und uns dort sozusagen nahtlos anschließen konnten. Vom Produkt her war uns die Air Berlin mit der Ausrichtung auf komfortable Flüge ja durchaus ähnlich. Zuletzt haben sie das Catering weggelassen, welches wir weiterhin behalten werden. Außerdem sind wir als Ferienfluggesellschaft vor Ort bestens bekannt und die Kunden vertrauen uns. Das Jahr 2018 an sich ist erst einmal ein Jahr des Lückenfüllens. Viele müssen oder wollen nachrücken und die von Air Berlin hinterlassenen Lücken füllen. So auch die Germania. Wo wir an den vier Standorten, die wir im Fokus hatten, nachlegen konnten, findet ein signifikanter Wiederaufbau statt - insbesondere in Tegel mit drei Flugzeugen ab dem Sommer 2018, denn dort waren wir schon einmal gewesen.

Austrian Aviation Net: Germania ist ja definitiv keine junge Fluggesellschaft, sondern ein „Traditionscarrier“. Nur war die Germania zeitweise recht unbekannt, weil viel im ACMI geflogen wurde. Nur in den letzten Monaten habe ich kaum noch ACMI bzw. Wetlease gesehen. Im Vorgespräch haben Sie mir gesagt, dass Sie im Moment gar keine Kapazität dafür haben. Wie schätzen Sie den ACMI-Markt generell ein. Ist das ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell oder sollten sich Airlines, wie Germania, eher auf das eigene Geschäft auf eigene Rechnung und unter eigener Flugnummer konzentrieren?
Karsten Balke: Wir richten uns immer nach dem Bedarf und können nicht an dem Bedarf in der Luftfahrtbranche vorbeifliegen. Wenn unsere Kunden, insbesondere die Reiseveranstalter, aber auch die Endkunden also von uns ein Produkt, eine Strecke verlangen, die wir sowohl so als auch so anbieten können und müssen, dann müssen wir dem nachkommen. Das heißt, der Bedarf der Reiseveranstalter war gerade jetzt mit dem Austritt der Air Berlin sehr groß und wir sind natürlich gerade im Bereich des Vollcharters, aber auch des Teilcharters auf touristischen Strecken gefragt. Der Einzelplatzkunde möchte ebenfalls mitgenommen werden. Insofern müssen wir alle Interessen unter einen Hut bringen. Genau das ist die Stärke der Germania, dass sie in allen Feldern eine passende Lösung für den Reisenden finden kann. ACMI ist dadurch gekennzeichnet, dass man einer anderen Fluggesellschaft oder als Vollcharter einem Reiseveranstalter den Flug ganz überlässt, wobei natürlich auch der Auftraggeber bestimmt, wann und wo die Reise hingeht. Insofern ist es für uns von großer Bedeutung, Produkte wie Vollcharterweiterhin im Angebot zu haben. Im letzten Jahr haben wir mit der Bulgarian Eagle einen ACMI-Carrier extra dafür aufgesetzt, der allerdings von uns komplett absorbiert wird, weil wir jede Kapazität brauchen, um die Nachfrage unserer Kunden zu bedienen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ACMI oder Wetlease künftig eine große Zukunft haben kann. Allerdings haben wir uns bewusst dafür entschieden, hier unser Modell des Voll- und Splitcharters auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch des Einzelplatzes aufzubauen.

Austrian Aviation Net: Viele Fluggesellschaften, ob groß oder klein, setzen auf sogenannte Baukastensysteme bei den Tarifen. Das heißt, man bucht einen Flug und darf dann für jeden Handgriff extra bezahlen. Das macht Germania nicht. Germania bietet weiterhin einen Tarif mit Koffer und Snacks und Getränken an Bord an. Warum setzt Germania auf das „bewährte Produkt“ und schwimmt nicht mit der Welle mit, für alles extra zu kassieren?
Karsten Balke: Auch hier ist die Nachfrage unserer Kundschaft ausschlaggebend. Unsere Kunden bitten uns, diesen Service aufrechtzuerhalten. Wenn wir uns das Feedback unserer Kunden ansehen, zum Beispiel auf Bewertungsportalen wie Tripadvisor, sehen wir immer wieder, dass dieses Angebot sehr dankbar angenommen wird. Gerade das Klientel der Ferienreisenden, die mit Familie unterwegs sind, möchte nicht bei jeder Gelegenheit das Portemonnaie zücken müssen und schätzt es sehr, dass die Atmosphäre an Bord von Komfort und einem Wohlfühlgedanken geprägt ist. Service ist bei uns zu erschwinglichen Preisen möglich und Teil unseres Produktes und unserer Zukunft.


Foto: Flughafen Erfurt / Max Reymann.

Austrian Aviation Net: Germania wurde über Jahrzehnte von Dr. Hinrich Bischoff geführt, dem die Presse auch den Namen „das Phantom der Rollbahn“ gegeben hat. Wie erinnern Sie sich an Dr. Bischoff?
Karsten Balke: Er war natürlich ein Unikum. Das muss man sagen. Er hat seinen Weg über seine Art, aber auch über seine Erfahrung im Umgang mit der Öffentlichkeit gefunden. Ich kann nicht sagen, ob das richtig oder falsch ist, weil es mir nicht zusteht. Was ich allerdings weiß, ist, dass jede Zeit ihre Anforderung hat und dass wir als Germania die Tradition des Herrn Dr. Bischoff insoweit fortsetzen, als dass wir seinem Gedanken eines unabhängigen deutschen Carriers folgen und dies auch weiterhin tun werden; dies im Übrigen über unser Produkt, Service, Zuverlässigkeit und vor allem auch über die entsprechende Flexibilität, die wir mitbringen und gewährleisten, um die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen.

Austrian Aviation Net: Zum Schluss noch eine nicht so ganz ernst gemeinte Frage. In Deutschland ist in den letzten Jahren einiges in Richtung sogenannter Monopolbildung im Gange, beispielsweise im Fernbusmarkt, wo es außer Flixbus nicht mehr sonderlich viel gibt. Jetzt hat Flixbus vor kurzem angekündigt, dass sie Flixtrain aufnehmen. Wann übernimmt Flixbus die Lufthansa?
Karsten Balke (lacht): Das wird noch ein Weilchen dauern, dafür muss man, glaube ich, eine ganze Menge Kapital einsammeln. Da müssen sie noch ein paar andere Verkehrsträger dominieren, bevor sie die Lufthansa übernehmen. Die Betriebsmittel in der Luftfahrt sind sehr teuer, anders als beim Bus oder vielleicht auch beim Zug. Es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis sie das Geld zusammen haben.

Austrian Aviation Net: Vielen Dank für das Gespräch und eine erfolgreiche Messe.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan interessiert sich seit seiner Kindheit für die Luftfahrt und ist seit 2012 Mitglied der Redaktion von Austrian Aviation Net. Sein Spezialbereich ist die Regionalluftfahrt.

    Special Visitors

    GainJet / SX-RFA
    EMIRATES / A6-EGZ
    NOUVELAIR / TS-INC
    UTair / VP-BAG
    Qatar Airways / A7-ALM
    China Airlines / B-18908
    AEROFLOT / VP-BEE

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    Robert Hartinger

    Christoph Aumüller