Austrian Airlines: Nordamerika im Sinkflug?

Im März ist die Zahl der AUA-Fluggäste in die USA und nach Kanada um mehr als ein Viertel gesunken - im Gegensatz zur restlichen Lufthansa Group. Was sind die Ursachen dafür?

Boeing 777 von Austrian Airlines am Flughafen Miami (Foto: Martin Metzenbauer).

Großer Jubel herrschte vor kurzem bei der AUA. Der Grund: Mit Los Angeles wurde nicht nur die am weitesten entfernte Interkont-Destination aufgenommen. Auch schaffte es mit der kalifornischen Metropole bereits das sechste US-Ziel in den Flugplan von Austrian Airlines. Abgesehen von L.A. startet die AUA noch nach New York, Newark, Washington, Miami und Chicago. Daneben hat die Fluglinie mit Toronto auch eine kanadische Destination im Repertoire.

Mit der Wiederaufnahme von Chicago im Jahr 2013 und dem Launch von Newark und Miami in den beiden Folgejahren hat die heimische Lufthansa-Tochter einen klaren "Focus West" gesetzt. Im Gegenzug wurden in den letzten Jahren einige Longhaul-Destinationen im Osten gestrichen - darunter Dubai, Delhi, Mumbai und Tokio (wobei mit Shanghai und Hongkong auch zwei Ziele aufgenommen wurden). Dass auch die zusätzliche Boeing 777 - die 2018 zur AUA stoßen soll - wieder ein US-Ziel ansteuern könnte, erklärte Finanzvorstand Heinz Lachinger kürzlich vor Journalisten in Los Angeles.

Das alles klingt soweit gut. Wenn man sich allerdings die jüngsten Verkehrszahlen des AUA-Drehkreuzes Wien genau ansieht, so fällte eine fast dramatische Zahl auf: Im März 2017 nämlich ist die Passagierzahl in Richtung Nordamerika um gewaltige 26,5 Prozent im Vergleich zum März 2016 gesunken. Und auch in den Monaten davor war die Entwicklung weit von Wachstum entfernt: Im Februar ging die Zahl der Fluggäste in die Region um 21,0 und im Jänner um 10,2 Prozent zurück. Nachdem die AUA als derzeit einzige Airline von Wien aus Destinationen in Nordamerika ansteuert, lässt die VIE-Entwicklung einen direkten Rückschluss auf Austrian Airlines zu. Die Lufthansa-Tochter gibt solche Detailergebnisse grundsätzlich nicht weiter.

Das Passagierwachstum am Flughafen Wien in Richtung Nordamerika war in den letzten Jahren beachtlich. Gerade mit der Aufnahme von Chicago, Newark und Miami von 2013 bis 2015 zeigte das Wachstum fast astronomische Höhen (Quelle: Flughafen Wien AG).

Doch was sind die Gründe für diese Entwicklung? Und vor allem: Könnten diese rapide sinkenden Passagierzahlen eine Trendwende für den "American Dream" der AUA bedeuten? Hat sich der Vorstand unter Kay Kratky bei seiner Strategie vielleicht sogar verkalkuliert?

Austrian-Airlines-Sprecher Peter Thier sieht drei Gründe für den jüngsten Schwund an Passagieren. Zum einen gebe es einen Ostereffekt - Ostern mit seinem starken Reiseverkehr ist im vergangenen Jahr auf März gefallen, heuer auf April. Zweitens wurde die Boeing 777 zuletzt verstärkt von Miami und Newark zugunsten der im Oktober 2016 aufgenommenen Destination Hongkong abgezogen. Und schließlich seien die Strecken in die USA in den nachfrageschwächeren Wintermonaten ausgedünnt worden.

Das alles ist natürlich schlüssig - trotzdem bleibt ein Fragezeichen stehen, wenn man sich die jüngsten Gesamtzahlen der Lufthansa Group ansieht. Lufthansa, Swiss, Edelweiss und Austrian Airlines zusammen sind nämlich in Richtung der Region Amerika bei den Passagierzahlen gewachsen, und zwar im März um immerhin 0,7 Prozent und in den ersten drei Monaten des Jahres kumuliert um 1,7 Prozent. Bei diesen Zahlen ist zwar auch Lateinamerika eingeschlossen - diese Region spielt aber eine deutlich geringere Rolle als Nordamerika. Bei Lufthansa stehen beispielsweise ab Frankfurt und München 261 eigenen und 126 Codeshare-Abflügen pro Woche in die USA und nach Kanada ganze 45 Rotationen nach Mittel- und Südamerika gegenüber. Was man daraus also bei aller geringgradigen Unschärfe ablesen kann: Konzernweit bleibt die Region im Gegensatz zu Austrian Airlines stabil - Ostereffekt und saisonale Nachfrageschwäche hin oder her.

Der starke Passagierrückgang - auch wenn er teilweise durch logistische Flottenverschiebungen in Richtung Hongkong erklärbar ist - wird wohl auch andere Ursachen haben. Warum muss man Kapazität zurückfahren, wenn offenbar die Flüge der Schwesterairlines stärker nachgefragt und besser verkauft werden? An den Ticketpreisen sollte es nicht unbedingt liegen - Austrian ist zwar nicht unbedingt für Diskontpreise bekannt, konkurrenzfähig sind die Tarife allemal.

Die AUA fliegt derzeit pro Woche bis zu 37mal pro Woche und Richtung über den großen Teich (Foto: Martin Metzenbauer).

Natürlich hat Österreich nicht so einen starken Heimatmarkt wie Deutschland und freilich spielt auch Zürich gerade im Hinblick auf Premiumpassagiere in einer anderen Liga. Trotzdem besitzt das Drehkreuz Wien gerade angesichts der Verbindungen in Richtung Osten seine unbestrittene Wertigkeit im Konzern. Bei den Los-Angeles-Flügen beispielsweise rechnet man mit zwei Dritteln Umsteigern - vorne dabei sind Destinationen wie Tel Aviv, Belgrad, Erevan und - wenn nicht wieder ein Einreiseverbot dazwischen kommt - Teheran. Ein großer und nicht zu unterschätzender Vorteil des Drehkreuzes Wien ist auch seine Überschaubarkeit beispielsweise gegenüber dem riesigen Frankfurt Airport, was das Umsteigen leichter macht. Und natürlich ist Österreich eine Top-Tourismus-Destination, die auch aus den Vereinigten Staaten gerne gebucht wird. In den ersten beiden Monaten 2017 sind beispielsweise die Nächtigungen von US-Amerikanern in Wien um mehr als fünf Prozent angestiegen.

Damit fehlen also erst recht schlüssige Erklärungen, warum der Absatz der Nordamerika-Verbindungen bei Austrian Airlines im Unterschied zum restlichen Konzern so verhalten ist und man aufgrund schwächerer Nachfrage Kapazitäten reduziert und die Passagierzahlen deutlich sinken. Dabei stellen sich so manche Fragen, auf die man wahrscheinlich keine Antwort bekommt. Bevorzugt der Lufthansa-Vertrieb vielleicht gar den Verkauf von LH-Tickets? Oder zeigt sich einfach nur eine gewisse Reise-Unlust aufgrund so mancher politischer Entwicklungen, die bei Austrian - warum auch immer - stärker ausgeprägt ist als bei den Konzernschwestern? Emirates beispielsweise hat aufgrund der nachlassenden Nachfrage in den ersten drei Monaten 2017 bereits die US-Kapazitäten reduziert. Vielleicht hängt der schwächelnde Absatz aber auch hauptsächlich an der Sorgendestination Miami. Die Frage nach den wahren Hintergründen für diese Kombination aus offenbar träger Nachfrage und fraglich optimalem Absatz lässt einigen Platz für Spekulation.

Wie auch immer - für das Gesamtjahr erwartet sich Austrian Airlines wieder einen Zuwachs im USA-Verkehr. Rund 600.000 Passagiere will man heuer auf den sechs Strecken befördern - um vier bis fünf Prozent mehr als 2016. "Wir ändern unsere Prognose diesbezüglich nicht", erklärte dazu AUA-Sprecher Peter Thier gegenüber Austrian Aviation Net.

Von manchen wird gemunkelt, dass der Lufthansa-Verkauf die "eigene" Airline vorzieht (Foto: Martin Metzenbauer).

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Austrian Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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