Airbus-Entwickler Peter Pirklbauer im Interview

Im Gespräch mit Austrian Aviation Net über die Zukunft des Fliegens.

Peter Pirklbauer (Foto: Airbus / Berthold Fabricius).

Vier Triebwerke oder zwei? Oder Überschall? Verbundwerkstoffe oder Metall oder bunt gemischt? Welcher Treibstoff wird in Zukunft verwendet werden? Wie wird der Passagier künftig reisen? Viele Fragen, an denen derzeit in den Forschungsabteilungen der Flugzeughersteller intensiv gearbeitet wird. Michael Csoklich hat einen der Forscher, Peter Pirklbauer, zum Interview getroffen. 

Austrian Aviation Net: Herr Pirklbauer, wie wird ein Flugzeug im Jahr 2050 aussehen?
Peter Pirklbauer: 
Wie ein Flugzeug im Jahr 2050 aussehen kann, zeigt unser sogenanntes Concept Plane sowie die Concept Cabin. Geprägt von neuen Formen sowie Intelligenz im Bereich Kabine, Systeme sowie Struktur wird das Reisen noch effizienter sowie noch angenehmer. Ob und wie sich das Flugzeug der Zukunft von dem heute unterscheidet, werden wir sehen. Sicher ist nur, es wird einen Bereich für Passagiere geben, einen Auftriebskörper und einen Antriebskörper. 

AANet: Sie forschen also nicht daran, wie zB. die A350 in 40 Jahren aussieht, sondern sie forschen an völlig neuen Fluggeräten?
Pirklbauer: 
Beides. Bei der bestehenden Flugzeugflotte geht es darum, permanent die Effizienz zu steigern, zu optimieren und auf Marktanforderungen aktiv zu reagieren. Es kommen aber auch neue Geschäftsmodelle auf, die eventuell modifizierte Fluggeräte erfordern. Im Langstreckenbereich gibt es da das Projekt namens Sunrise, diese Flüge werden erst am übernächsten Tag landen. 

AANet: Man wird sich im Luftverkehr also daran gewöhnen müssen, dass von der Drohne über das Miniflugzeug in der Großstadt bis zur A380 alles fliegen wird?
Pirklbauer: 
Ja, die Bandbreite ist sehr groß. Deshalb heißt es bei uns in der Forschung „Building the Future of Flight“, es geht um die Zukunft des Fluges unabhängig von Größenordnungen. Denn jedes Fluggerät hat je nach Transportmission Vorteile die es zu beachten gilt. Und: senkrechtes Starten und Landen wird da ein großes Thema sein. 

AANet: Überschall haben Sie nicht erwähnt.
Pirklbauer: 
In diesem Forschungsbereich arbeiten wir mit der US-Firma Aerion zusammen. Die Herausforderung hierbei ist neben den Anforderungen an den Rumpf auch die richtige Wahl des Triebwerks, das in allen Höhen effizient operiert, und um das perfekte Gewicht. 

AANet: Gerade beim Antrieb wird ja viel geforscht. Was sieht das Triebwerke der Zukunft aus
Pirklbauer: 
Das Flugzeug der Zukunft muss als Gesamtsystem verstanden werden. Das bedeutet anderes Triebwerk, andere Systemarchitektur, andere Struktur und möglicherweise auch eine andere Kabine. Das Triebwerk, wie auch immer es aussehen wird beeinflusst maßgeblich die Form des Fluggeräts der Zukunft. Ganz viel lernen wir im Moment im Bereich Elektrifizierung und über Hybridantriebe. Bei der jetzigen Triebwerksgeneration geht es darum, die Triebwerke effizienter bzw. sparsamer und leiser zu machen, damit könnten Nachtflugverbote der Vergangenheit angehören. 

AANet: Elektroantriebe bei Flugzeugen, wie kann man sich das vorstellen?
Pirklbauer: 
Wir arbeiten mit Siemens an der Elektrifizierung von Fluggeräten, vom Ein- bis zum Hundertsitzer . Je kleiner die Fluggeräte, desto höher oder mehr können sie rein elektrisch fliegen, je größer, umso mehr braucht es eine Hybridlösung. Die Schlüsselfrage der Elektrifizierung ist aber das Thema Energieträger, also Batterie, von der Sicherheit über die Speicherkapazität bis zur Frage des raschen Ladens. 

AANet: Verbundwerkstoffe sind heute das Maß der Dinge. Was werden aus Ihrer Sicht die Werkstoffe der Zukunft sein?
Pirklbauer: 
Ich glaube, der Materialmix wird das reizvolle sein. Für jeden Bauteil, für jede Anwendung das richtige Material. Bei der A350 zum Beispiel haben Verbundwerkstoffe einen Anteil von 53%. Die Materialmixtur für die Flugzeuge der Zukunft muss erst definiert werden, da gibt es nicht die eine Lösung. Da sind viele Materialien auf dem Prüfstand, aus allen Bereichen, von Verbundwerkstoffen bis Metallen. Auch für den 3D Druck werden eigene Legierungen entwickelt. Wir dürfen uns da nicht zu früh zu eng einschränken. 

AANet: Die Flugzeugindustrie hat sich ja verpflichtet, den CO2 Ausstoß bis 2050 zu halbieren. Ist zur Erreichung dieses Ziels nicht die Frage des Treibstoffs die wichtigste?
Pirklbauer: 
Der Energieträger der Zukunft ist ein sehr spannendes Thema. Verbrennungsmotor, Batterie, Hybrid, woher kommt die Energie? Wir forschen zum Beispiel im Bereich Bio-Treibstoff und mit Algen, denn die verbrauchen beim Wachstum CO2. Für das Klimaziel ist aber auch das Flugzeuggewicht ein entscheidender Faktor. Würde die Lufthansa, einem Umweltbericht zufolge, über ein Jahr aus jedem Flugzeug ihrer Flotte ein Kilo herausnehmen, würde sie 30 Tonnen Treibstoff sparen. Da liegt viel Potential, denn weniger Eigengewicht bedeutet weniger Treibstoffverbrauch und damit kleinere Tanks und kleinere Triebwerke. Leichtbau und Gewichtsersparnis sind also gleich wichtige Themen wie die Art des Treibstoffs. 

AANet: Selbst fliegen können Flugzeuge ja schon, das pilotenlose Cockpit wäre die logische Konsequenz.
Pirklbauer: 
Zwischen automatisch und autonom liegen noch ein paar Schritte. Autonomes Fliegen ist einfacher als autonomes Autofahren, es kommt ihnen in der Luft selten jemand mit Kinderwagen entgegen. Autonomie ist in der Luftfahrt in vielen Bereichen denkbar, wichtig ist jedoch für Akteure,  die richtige Balance zwischen machbar und sinnvoll zu finden. 

AANet: Was wird die Zukunft für den Passagier bringen?
Pirklbauer: 
Wir arbeiten daran, dass das Reisen für den Passagier wieder zu einem Erlebnis wird. Flughäfen sind heute ein Nadelöhr, für viele Passagiere ist das ein Stressfaktor, da wird sich einiges verändern. An Bord wird es leiser und personalisierter werden, das Thema Virtualisierung spielt hierbei eine wichtige Rolle - der Urlaub kann bereits an Bord beginnen.

AANet: Nur für die, die es sich leisten können?
Pirklbauer: 
Das Konzeptflugzeug zeigt, wie diese Kabine für alle Passagiere aussehen kann. Es enthält Pläne, die sich vom Konzept der unterschiedlichen Klassen lösen, das Flugzeug wird in Zonen geteilt. Eine Ruhezone, eine Aktivzone und eine Interaktionszone, so dass der Platz an Bord vielfältiger genutzt werden kann.

AANet: Was sind unterm Strich aus Ihrer Sicht die 3 größten Herausforderungen, vor denen die Luftfahrt bis 2050 steht?
Pirklbauer: 
Ich würde sagen, die drei wesentlichen Forschungsbereiche sind die Effizienz der Fluggeräte im Betrieb, die künftigen Antriebskonzepte und Materialkompositionen sowie das Thema Wachstum. 

Zur Person:

Peter Pirklbauer ist 31 Jahre alt, stammt aus Oberösterreich, und ist Innovation Manager bei Airbus. Er arbeitet in Hamburg bei Airbus Operations im Bereich Emerging Technologies and Concepts an der Zukunft des Reisens. Dabei geht es um das Aufgreifen und Entwickeln disruptiver Technologien und Geschäftsmodelle für künftige Produktgenerationen im Flugzeugbau.

Pirklbauer hat an der Fachhochschule in Wels sein Bachelor- und Masterstudium absolviert. Über die Daimler AG kam er 2011 zu Airbus.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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