Ab 2020: IATA plant RFID-Gepäck-Tags

Airlines und Flughäfen scheuen hohe Kosten, Daten- und Umweltschützer sind skeptisch.

Auch heute noch "landen" Koffer oftmals nicht am gewünschten Zielort (Foto: Pixabay).

Fehlgeleitete oder gar verlorene Koffer sind nicht nur für Passagiere ärgerlich, sondern verursachen den betroffenen Fluggesellschaft jährlich enorm hohe Kosten. Freilich variiert die Art und Weise wie mit dieser Situation umgegangen wird von Airline zu Airline sehr stark. Während kundenorientierte Anbieter alles daran setzen das verloren Gepäckstück so rasch wie möglich zu finden, dem Kunden zuzustellen und notwendige Auslagen unbürokratisch ersetzen, kümmern sich „schwarze Schafe“ kaum um das Kundenanliegen und Kosten werden sprichwörtlich nur „im Namen der Republik“ zurückbezahlt.

Früher wurden Gepäck-Tags oftmals handschriftlich ausgefüllt, so dass es besonders an großen Flughäfen bei entsprechend unlesbarer Schrift des Check-In-Agents durchaus dazu kommen konnte, dass Koffer und Fluggast zwei unterschiedliche Flüge bestiegen. Durch die Umstellung auf Computer-Tags, die mit großflächigen Barcodes ausgerüstet sind, wurde zumindest das optische Problem bereits vor langer Zeit minimiert. Dennoch kommt es immer noch zu Fehlverladungen, wobei die Ursachen hierfür vielfältig sind: Die Sortieranlage ist nicht gänzlich unfehlbar, der Agent kann irrtümlich einen fehlerhaften Tag angeklebt haben, beim Einladen wurde übersehen, dass der Koffer eigentlich in ein anderes Flugzeug geladen werden muss oder aber das Gepäckstück wurde schlichtweg niemals eingeladen.

Wenn ein Koffer mal fehlgeleitet wurde und im Extremfall gar der Tag abgefallen ist, wird es sehr schwierig diesen wieder zu finden. Die wenigsten Reisenden haben GPS-Tracker in ihren Gepäckstücken versteckt. Die Lösung sollen nun RFID-Chips, die in den Tags enthalten sind, bringen. Ein Verfahren, dass im Cargo-Bereich schon länger in Verwendung ist, denn im Gegensatz zu Barcodes können die Chips auch andere Aufgaben übernehmen – beispielsweise die Temperatur überwachen, was bei verderblicher Ware von Bedeutung ist.

Ein simpler Barcode-Ausdruck ist allerdings deutlich kostengünstiger als ein RFID-Chip, weshalb die Branche nicht wirklich für die neue Lösung zu begeistern ist. Zusätzlich schlagen Datenschützer Alarm, denn es ist unklar was eigentlich auf diesen Funkchips gespeichert wird und wer diese Informationen auslesen kann. Umweltschützer hingegen polten, dass es sich bei diesen elektronischen Geräten um komplizierten Sondermüll handeln würde und die einmalige Verwendung pure Verschwendung darstellen würde, da die Chips mehrmalig „aufladbar“ sind. Doch die beiden letzten Punkte dürften den Fluggesellschaften weitgehend egal sein, eher sträubt man sich vor den hohen Kosten.

IATA will einheitlichen Branchenstandard

Druck gibt es nun laut einem Zeitungsbericht der Süddeutschen von der IATA, die rund 270 Airlines vertritt. Diese plant nun, dass ab 2020 zusätzlich zum Barcode ein RFID-Chip an jedem Gepäckstück angebracht werden soll. Als Argument wird insbesondere angeführt, dass die U.S.-amerikanische Delta Air Lines die Technologie bereits erfolgreich einsetzt und vom Ergebnis begeistert ist.

Die IATA möchte mit der „RFID-Evolution“ einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung setzen, denn Passagieren soll es ermöglicht werden mittels einer Smartphone App ihren Koffer zu tracken. So sollen diese zu jedem Zeitpunkt wissen welchen Detection-Point ihr Gepäckstück gerade durchlaufen hat und beispielsweise falls dieser auf einem falschen Band ausgegeben wird, den Koffer eben dort abholen. Weiters soll vermieden werden, dass Passagier und Gepäckstücke in zwei unterschiedlichen Flugzeugen transportiert werden. Die Ramp-Agents könnten mittels eines einfachen Geräts sofort feststellen, ob alle für diesen Flug eingecheckten Koffer vorhanden sind und ob eventuell fehlgeleitete Gepäckstücke am Wagen sind. Diese könnte man rasch zur richtigen Maschine bringen.

Solle das Gepäckstück jedoch gar nicht auffindbar sein, so soll der Kunde direkt über die Airline-App eine Verlustmeldung aufgeben können, so dass der Besuch des Lost and Found Schalters entbehrlich wird. Hier könnte man also Personal einsparen.

Große Flughäfen eher zurückhaltend

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass von der IATA in Auftrag gegebene Testläufe erfolgreich verlaufen worden wären. Weiters verweist man darauf, dass Ersatzteile für Flugzeuge schon seit fast zwei Jahrzehnten mittels der RFID-Technologie identifizierbar gemacht werden. Für das Gepäck soll nun ein einheitlicher Standard entwickelt werden und die Umsetzung soll ab 2020 starten. Allerdings müssen Flughäfen ihre Gepäckanlagen aufrüsten und weitere technische Geräte – beispielsweise für die Ramp- und Check-In-Agents – anschaffen. Für die Airlines dürfte es ebenfalls ordentlich ins Geld gehen, denn die RFID-Chips sind teurer als Klebe-Thermopapier.

Laut Süddeutscher Zeitung habe der Flughafen Frankfurt am Main bereits die entsprechende Technik bereit, jedoch wird diese momentan kaum bis gar nicht genutzt. München erklärt gegenüber dem Blatt, dass man keinen Vorteil gegenüber den bisherigen Barcodes sieht. Und Lufthansa sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass RFID nur eine von vielen möglichen unterstützenden Technologien wäre. Die weitere Entwicklung bleibt daher abzuwarten.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan ist studierter Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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